2. Kleine Mommsen-Tagung 2006 in Gießen

Ikonotexte. Duale Mediensituationen


Vom 17. bis 19. Februar 2006 fand auf Schloß Rauischholzhausen, dem Tagungszentrum der Justus-
Liebig-Universität Gießen, die Zweite Kleine Mommsen-Tagung zum Thema „Ikonotexte. Duale Mediensituationen“ statt. Veranstaltet von Peter von Möllendorff (Institut für Altertumswissenschaften, Justus-Liebig-Universität Giessen), Ivana Petrovic (Institut für Altertumswissenschaften, Justus-Liebig-Universität Giessen; jetzt University of Durham), und Katharina Lorenz (Department of Classics, University of Nottingham) und gefördert von der Mommsen-Gesellschaft sowie der Giessener Hochschulgesellschaft, brachte die Tagung dreißig Altertumswissenschaftler zu einem dreitägigen Workshop zusammen. Die thematische Konzeption beruhte auf den Ergebnissen der Tagung „bild-text“, die im Juni 2004 am Institut für Altertumswissenschaften der Justus-Liebig-Universität stattgefunden hatte (Veranstalter: Ivana Petrovic, Katharina Lorenz).

Im Zentrum der „Ikonotexte“ stand die Frage, wie man ikonotextuelle Objekte – also Gegenstände, die Bild und Text auf einem Materialträger integrieren und damit in einen dualen und kontingenten Wahrnehmungs- und Wirkungszusammenhang stellen – und ihre perzeptiven, hermeneutischen und medientheoretischen Aspekte methodisch erfassen kann und ob ein Theoriekonzept, das sich in den Literatur- und Bildwissenschaften für die Neuzeit bereits bewährt hat,(1) auch die wechselseitigen Abhängigkeiten und den wechselseitigen Verweischarakter der beiden Medien in vergleichbaren antiken Objekten verstehen hilft. Daneben wollten wir für die Altertumswissenschaften ein Themenfeld erschliessen, das den Austausch zwischen den häufig noch zu isoliert operierenden Einzeldisziplinen der Altertumswissenschaften weiter zu befördern vermag.

In sechs medial und chronologisch Sektionen betrachteten achtzehn Wissenschaftler eine Vielzahl bimedialer Gattungen der griechischen und römischen Antike auf das jeweilige Zusammenspiel der beiden Medien ‘Bild’ und ‘Text’ hin. Alle Vortragenden hatten bereits im Vorfeld der Tagung einen ausführlichen Beitrag und Bildmaterial zur Verfügung gestellt, so daß der Schwerpunkt der Tagung auf der Diskussion liegen konnte.

Sektion 1: Vasen
Gesine Manuwald (Comics auf griechischen Vasen? Strukturelle Überlegungen zur Text-Bild-Relation auf griechischen Vasenbildern) zeigte, wie mit Hilfe der Plazierung und optischen Gestaltung und Anordnung von Text im Bild Vasen des 6. und 5. Jhs. v. Chr. eigenständige, von einem externen Mythos unabhängige Narrationen erschaffen. Georg Gerleigner (Das Rätsel der Sphinx: Zur Verwendung von Schrift in der griechischen Vasenmalerei) hob in seiner Diskussion von Text-Bild-Situationen auf attischen Vasen den bildlich-ornamentalen Charakter von Schrift, die Integration des Textes in das Bild und damit ihre mediale Engführung, hervor. Celia Krause (Die Interaktion von Vasenbild und Inschriften mit wörtlicher Rede auf griechischer und römischer Keramik) deutete (literarische und non-literarische) Vaseninschriften auf griechischen und römischen Gefäßen als Strategie der Aufnahme von Kommunikation mit den Benutzern in einer oralen Kultur.

Sektion 2: Becher und Mosaiken
Kontrastiv zu den in der Vasen-Sektion besprochenen Befunden legte Udo Reinhardt (Die hellenistischen Reliefbecher mit Szenen aus den Tragödien des Euripides) anhand der hellenistischen Reliefbecher mit Szenen aus den Tragödien des Euripides dar, wie stark Ikonotexte, in denen der Text der dominante Partner ist, von solchen differieren, in denen beide Medien eine gemeinsame, diskursive Aussage generieren. Anja Wolkenhauer (Das „Gastmahl der Zeit“. Eine singuläre Ikonographie und ihre methodischen Konsequenzen) analysierte, wie Bild-Texte auf spätkaiserzeitlichen Mosaiken zu komplexen Sinneinheiten verschmolzen sind, in denen Text und Bild das jeweils andere Medium allegorisierend aufladen.

Sektion 3: Statuen und Stelen
Tonio Hölscher und Peter von Möllendorff diskutierten in einer gemeinsamen Präsentation („Es wundere sich niemand, sieht er dies Bild!“ – Bild und Text auf dem Grabstein des Antipatros von Askalon) die Grabstele des Antipatros von Askalon sowohl aus der Perspektive des Bild- als auch aus der Perspektive des Textwissenschaftlers, um in der absichtlichen Trennung des methodischen Zugriffs zu sezieren, was das jeweilige Einzelmedium allein zu kommunizieren und zu übermitteln vermag. Wolfram Martini (Bild und Wort – Zur reziproken Funktionalität von Epigramm und Bildwerk in archaischer Zeit) untersuchte, wie im Falle typisierter archaischer Grabstatuen die Rezeptionshaltung des Betrachters durch die beigegebenen Epigramme gelenkt wird. Sabine Müller (Lysippos, Apelles und Alexander zwischen Heros und Isotheos) demonstrierte textuelle Sonderwege der Alexanderliteratur, die durch synchrones Aufgreifen diachron differenter Bildtraditionen entstand. Donata Schäfer (Das Verhältnis zwischen Bild und Text einer hieroglyphischen Schenkungsstele am Beispiel der sog. Satrapen-Stele) legte die individuelle Leistungsfähigkeit von Text und Bild und zugleich die Darstellungsprobleme dar, die sich in einem griechisch-ägyptischen Akkulturations-Kontext ergeben.

Sektion 4: Münzen
Einen Akkulturations-Kontext stellte Andreas Blasius (Die ägyptisierende Münzprägung Antiochos’ IV Epiphanes im Kontext des 6. Syrischen Krieges) anhand der ägyptisierenden Münzprägung von Antiochos IV. Epiphanes vor und zeigte an diesem Beispiel, wie solche numismatischen Ikonotexte auch als tagespolitisches Kommunikationsmedium dienen können. Auch Marion Meyer (Sehen – Lesen – Wissen. Zu Bild, Schrift und Bildträger am Beispiel späthellenistischer Stadtprägungen in der Levante) konzentrierte sich auf einen weiteren Komplex hellenistischer Münzen und diskutierte am Beispiel levantinischer Stadtprägungen das Verhältnis von Bild, Text und Bildträger in der Konstituierung der spezifischen Aussage des Genres „Münze“. Eine Sondierung der spezifischen Leistungsfähigkeit von Ikonotexten auf Münzen hinsichtlich einer Aussage-Sanktionierung bzw. einer Reduktion bildlicher Bedeutungsmöglichkeiten durch den Text nahm Lorenz Winkler-Horacek (Von Augustus bis Vespasian: Zum Wandel im Verhältnis von Text und Bild auf römischen Münzen des 1. Jhs. n. Chr.) mit Blick auf römische Münzen des 1. Jhs. n. Chr. vor. Im Kontrast dazu argumentierte Susanne Muth (Bild und Text auf römischen Münzen: Zur Seltenheit einer eigentlich naheliegenden Medienkombination) für das Interesse der Produzenten an der Aussageweite der Bilder auf kaiserzeitlichen Münzen, die nur in Situationen der politischen Unsicherheit durch Textbeigaben stärkere Fixierung erfahre.

Sektion 5: Carmina Figurata
Irmgard Männlein-Robert (Bildertexte – Textbilder: Poetologische und mediologische Beobachtungen zum hellenistischen Figurengedicht) und Christine Luz (Form und Inhalt der griechischen Carmina figurata) stellten das komplizierte Zusammenspiel von Text und Bild und mögliche Formen intermedialer Performativität in hellenistischen Figurengedichten (technopaignia) vor. Meike Rühl (Panegyrik im Quadrat – Die carmina figurata des Publilius Optatianus Porphyrius) demonstrierte anhand der spätkaiserzeitlichen carmina figurata des Publilius Optatianus Porphyrius, wie die durch die Buchstabenfolge der Texte kreierten Bilder rückwirkend auch den Zugriff auf den Text verändern können.

Sektion 6: Illustrierte Handschriften
Werner Suerbaum (Ein Buch der Aeneis Vergils auf einen Blick: Die drei Einheiten (Ort, Zeit, Handlung) in einem argumentum-Bild) legte dar, wie bildliche Kapitelzusammenfassungen (argumentum-Bilder) von Vergils Aeneis in neuzeitlichen Druckausgaben Ort, Zeit und Handlung verschiedener Szenen eines Aeneis-Buches miteinander verschmelzen und auf diese Weise mnemotechnische Effekte erzielen. Roman Müller (Ikonosemiotik der Terenz-Handschrift Vat. lat. 3868) diskutierte die Funktionsaufteilung von Text und Bild in einer bebilderten Terenz-Handschrift und analysierte, wie sie in ihrem Zusammenspiel über den Inhalt des Textes hinausweisen.

Aufgrund der Tatsache, daß die Diskussion über Ikonotexte gerade in den Altertumswissenschaften noch stark im Fluß ist, haben die Veranstalter beschlossen, keinen gedruckten Tagungsband herauszugeben.

Anmerkungen:

(1)
P. Wagner, Reading Iconotexts: From Swift to the French Revolution (1995); P. Wagner, Icons – Texts – Iconotexts: Essays on Ekphrasis and Intermediality (1996); S. Horstkotte – K. Leonhard (Hgg.), Lesen ist wie Sehen. Intermediale Zitate zwischen Bild und Text (2006).