Theodor Mommsen, für seine eigene Person jedem Heldenkult abgeneigt, war zeitlebens an Problemen seiner Gegenwart interessiert und politisch engagiert. Demgemäß hoffte die Mommsen-Gesellschaft in seinem Sinne zu handeln, wenn sie im Jahr 2017, das zugleich das Jahr des zweihundertsten Geburtstags ihres Namenspatrons ist, ihre Große Tagung nicht zu einem der zahlreichen Kongresse machte, die das Oeuvre Mommsens kritisch würdigen. Vielmehr griff sie ein aktuelles Thema auf und setzte sich zum Ziel, auszuloten, welchen Beitrag die Altertumswissenschaften dazu leisten können. Ein Call for Papers zeigte, dass das Thema viele Facetten beinhaltet. Chronologisch konnte der Bogen von der Archaik bis in die Hohe Kaiserzeit gespannt werden. Prominente Texte wie Herodots Historien oder Vergils Eklogen und Aeneis erwiesen sich ebenso als einschlägig wie Materialien, die bisher eher in engeren Fachkreisen eine Rolle spielten, etwa die Posthomerica des Quintus Smyrnaeus und kaiserzeitliche Darstellungen der Iliupersis. Erfreulich ausgewogen war die Zahl der Vorschläge aus den Disziplinen der Klassischen Philologie und der Alten Geschichte, wohingegen sich die Fächerstruktur innerhalb der Gesellschaft auch in einer etwas geringeren Zahl archäologischer Beiträge niederschlug. Sehr gut aufgenommen und mehrfach positiv kommentiert wurde das Modell von Parallelsektionen, die durchweg regen Zuspruch fanden. Das Plenum traf sich bei der Eröffnungsveranstaltung und zu einem gemeinsamen Vortrag sowie dem Abschlussvortrag. Eine Sektion war zudem, die Tradition früherer Tagungen fortführend, den Digitalen Altertumswissenschaften gewidmet. Diese wurde von Frau Prof. Dr. Charlotte Schubert organisiert, geleitet und in einem eigenen ausführlichen Bericht zusammengefasst, den Sie auf unserer homepage nachlesen können. Die Tagung wurde an allen Veranstaltungstagen von jeweils ca. 150 Teilnehmern aller wissenschaftlichen Qualifikationsstufen besucht.
Eine Rekapitulation des Inhalts der einzelnen Vorträge ist an dieser Stelle weder möglich noch erforderlich. Dies gilt ganz besonders, da auf der homepage der Gesellschaft zu jedem einzelnen Programmpunkt abstracts hinterlegt wurden. Stattdessen sollen in einer Synopse einige Linien herausgearbeitet und der synergetische Effekt der Tagung veranschaulicht werden. Als ein erstes auffälliges Merkmal erwies sich die gewählte Perspektive: Hier ließ sich beobachten, dass sich die griechisch-römische Überlieferung häufig und facettenreich mit der Erfahrung der ‚Flüchtlinge’ beschäftigt. Auch wenn die Gründe dafür vielfältig sein dürften, spielt es wohl keine ganz unbeträchtliche Rolle, dass die Menschen in vielen Epochen der Antike dieses Schicksal entweder selbst kannten oder zumindest für sich selbst nicht ausschlossen. Entsprechende Ängste konnten dabei mehr oder minder konkret sein. Am deutlichsten ist der zeitgeschichtliche Kontext wohl in Vergils Eklogen, wo neben dem Elend jener Leute, die im Bürgerkrieg tatsächlich von ihrem Land vertrieben wurden, auch die Sorgen der (noch) Verschonten in den Blick genommen werde(Markus Schauer). Aber auch an Flavius Josephus kann hier gedacht werden (Monika Schuol).
Über die dramatische Beschwörung des Leidens der Schutzsuchenden geht der Gehalt der Texte weit hinaus: So machen sie nicht zuletzt, wie Jochen Schultheiß anhand von Statius‘ Thebais entwickelt hat, darauf aufmerksam, was es für Menschen bedeutet, auf clementia der sie aufnehmenden Regierung angewiesen zu sein. Mehrfach ist es Autoren ein Anliegen, statt des passiven Parts eines Opfers den aktiven Charakter des Wohnortwechsels zu akzentuieren: Herodot stellt „Handlungsoptionen Unterlegener“ (Linda-Marie Günther) heraus und vermag dadurch die Entscheidung für Freiheit durch Flucht vor Unterdrückung in der Heimat positiv zu werten und tendenziell sogar normativ aufzuladen. Zumindest als hypothetische Überlegung lässt Quintus Smyrnaeus die jüngeren Frauen Trojas den Gedanken äußern, ihr Schicksal durch Teilnahme am Kampf mitzugestalten. Sie werden also nicht nur, den Geschlechterkonventionen entsprechend, als Verschleppte und sexuell Missbrauchte in das Geschehen einbezogen. Zugleich wird ein Generationenkonflikt angedeutet (Stefanie Schmerbauch). Als schwieriger Entscheidungsprozess wird auch Aeneas’ Flucht aus Troja dargestellt. Die Brisanz der Ausgangskonstellation dieses Mythos hat Ruth Monreal prägnant herausgearbeitet. Der Held von Vergils Aeneis verlässt noch während des Waffengangs den Kriegsschauplatz und wählt nicht den jederzeit möglichen Tod von den Händen des Feindes. Es ist hier tatsächlich der profugus selbst, der im Epos das Geschehen erzählt, direkter Adressat des Berichts ist Dido, also die Repräsentantin der um Aufnahme ersuchten Gesellschaft.
Genau dieser Letztgenannten wird ebenfalls mehr als einmal Aufmerksamkeit geschenkt. Statius beschwört dazu die Haltung der clementia in der von Seneca entwickelten inhaltlichen Füllung, mithin als schlechterdings gottgleichen Gnadenakt gegen Niedrigerstehende, bei dem der Handelnde dem Gesetz übergeordnet ist, also im Grunde eine absolute Macht besitzt. Dies geschieht wohlgemerkt nicht, ohne die Problematik dieser Konstellation durchscheinen zu lassen (Jochen Schultheiß). In speziellen Varianten stellte sich die Frage der Integration auch in den Vorträgen von Thomas Brüggemann und Winfried Schmitz. So untersuchte Brüggemann die Unterschiede in der Politik der Achaimeniden und Alexanders gegenüber der nomadisch lebenden Bevölkerung Baktriens, Sogdiens u. a. und eruierte intensivierte Kontrollansprüche des Makedonenkönigs sowie eine Schließung der Außengrenzen als Ursache für die Verschlechterung eines unter dem Vorgängerregime weitgehend friedlichen Verhältnisses. Bei Winfried Schmitz wurden am Fall Spartas Debatten um das Ausmaß der Gewährung von Rechten an neue Mitglieder einer Gemeinschaft (einschließlich des Unruhepotentials, das eine restriktive Politik bot) deutlich. Zugleich wurde sowohl für die Gründung Tarents als auch für einige überlieferte spartanische Bräuche eine neue Deutung vorgelegt, die im Fach sicher noch intensiv diskutiert werden wird.
Eine dritte mögliche Blickrichtung brachte der Vortrag von Martin Zimmermann ins Spiel. Hier standen der komplett verlassene Ort bzw. die sich in Ruinen manifestierende teilweise Verödung von Städten und die Reaktion der verbliebenen Bewohnerschaft und von Besuchern auf solche Phänomene im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sichtbar wurde zugleich, dass solche lost places nicht immer eine zurückliegende Abwanderung spiegelten, sondern teilweise als stumme Zeugen einer gescheiterten Hoffnung auf Zuwanderung zu sehen sind. Dank des Vortrags von Erich Kistler kam auch die „imperiale Kriegsreportage“ (wenn man will: die offiziell verbreitete Sicht der Täter) nicht zu kurz. Anhand der visuellen Präsentation ziviler Opfer auf Seiten auswärtiger Feinde wurde verdeutlicht, dass sich insoweit überzeitliche ground rules nachweisen lassen, als auch antike Bildquellen wie die Trajanssäule Übergriffe gegenüber Nichtkombattantinnen / Nichtkombattanten in der Darstellung aussparen oder sogar durch Szenen freundlichen Kontaktes ersetzen. Dass in auffälligem Kontrast dazu die Marcussäule extreme Brutalität zelebriert, ist vor dieser Folie ein erklärungsbedürftiges Faktum; dass dieses Phänomen in einer Schwächephase der Großmacht Rom auftritt, vielleicht kein Zufall.
In der Literatur sind besonders Autoren der neronischen Zeit für detaillierte Schilderungen exzessivster Gewalt bekannt. Wie eine derartige Entgrenzung durch den Erzähler vermittelt wird, legte Hans-Peter Nill in einer faszinierenden Analyse am Beispiel einer Passage der Pharsalia (7,617-631) dar. Dabei arbeitete er nicht zuletzt mit einem Modell, das verschiedene Perspektiven (agens, patiens und Zeugen) im Text aufspürte. Unterschiedliche Blickwinkel bezog auch Burkhard Emme in seinen Vortrag ein. So warf er zu Recht die Frage auf, wie Römer der Kaiserzeit die von der griechischen Kunst inspirierten Szenen der Iliupersis wahrnahmen, da sie sich, anders als der ursprüngliche Adressatenkreis der Hellenen, nicht mit den Siegern, sondern den Verlierern identifizierten. Michael Hillgruber stellte eindrucksvoll dar, wie sich die Verwendung des Thermopylen-Epigramms im Gymnasial-Unterricht des Dritten Reiches in der zeitgenössischen Presse niederschlug, vor allem aber, in welcher Weise sich Personen nach dem verlorenen Krieg daran erinnerten, wobei neben Heinrich Bölls berühmter Erzählung: „Wanderer, kommst Du nach Spa…“ auch unbekanntere Autoren zu Wort kamen. Bereichert wurde die Tagung zudem durch den Vortrag des Bruno-Snell-Preisträgers Hans Kopp, der auf der Eröffnungsveranstaltung der Teilnehmerschaft einen sehr guten Einblick in seine prämierte Dissertation über „Thukydides und die Beherrschung des Meeres“ vermittelt hat.
Abschließend soll keineswegs versäumt werden, den Vortragenden und der Zuhörerschaft für ihren Beitrag zum Gelingen der Tagung zu danken. Hervorheben möchten wir auch, dass Universität und Stadt an diesem Erfolg einen ganz wesentlichen Anteil hatten, indem sie der Gesellschaft ein ansprechendes räumliches Ambiente unentgeltlich zur Verfügung stellten und auch – im Löwengebäude wie im Stadthaus – einen regen persönlichen Gedankenaustausch auf zwei Abendempfängen ermöglichten. Dass es dabei nicht an einem Imbiss und Getränken fehlte, so dass alle gerne lange verweilten, wurde durch die finanzielle Unterstützung der Stadt Halle gewährleistet, bei der wir uns gleichfalls herzlich bedanken.
Prof. Dr. Stefan Pfeiffer/ Prof. Dr. Angela Pabst
