Wir freuen uns, Ihnen einen neuen Forschungspreis ankündigen zu können. Bewerbungsfrist: bis 31.12.2026
Beschreibung
Die FIEC (Fédération internationale des associations d’études classiques) vergibt erstmals auf ihrem nächsten Kongress im Jahr 2028 einen Dissertationspreis für je eine herausragende Arbeit in den beiden folgenden Kategorien:
– Griechische und Lateinische Sprachen, Literatur und Philosophie, einschließlich ihrer Rezeptionsgeschichte,
– Griechische und Römische Geschichte und Archäologie, einschließlich ihrer Rezeptionsgeschichte.
Jeder Preis ist mit 1.000 € dotiert.
Die Preise werden auf dem nächsten FIEC Kongress vergeben, der vom 3. bis zum 7. Juli 2028 in Ljubljana (Slowenien) stattfindet. Die Gewinner*innen sind von der Einschreibegebühr befreit und erhalten ihre Reise- und Hotelkosten von der FIEC erstattet.
Bitte beachten Sie, dass die Kandidat*innen nur von den jeweiligen nationalen Fachgesellschaften vorgeschlagen werden können. Eine direkte Bewerbung bei der FIEC ist nicht möglich.
Einsendungen richten Sie daher bitte an:
– den Deutschen Altphilologenverband (DAV) für Arbeiten mit Schulrelevanz (Didaktik, Vermittlung, Rezeption)
– oder die Mommsen-Gesellschaft (MG) für Arbeiten mit rein fachwissenschaftlicher Perspektive (teilnahmeberechtigt sind nur Mitglieder der MG)
Die Bewerbungsfrist endet am 31.12.2026.
Doppelbewerbungen sind nicht möglich.
Bedingungen
Bei der Auswahl werden Arbeiten von Nachwuchswissenschaftler*innen berücksichtigt, deren Abschluss seit dem 1. Juli 2025 erfolgt ist bzw. bis zum 30. Mai 2027 erfolgen wird, und die das Prädikat summa oder magna cum laude erhalten haben. Bei der Bewertung magna cum laude ist ein Schreiben des oder der Erstbetreuenden beizulegen, das die herausragende Qualität der Arbeit bestätigt.
Einzusenden sind die folgenden Dokumente in englischer Sprache:
Lebenslauf
Doktorurkunde oder Bestätigung über die Einreichung der Arbeit beim zuständigen Dekanat
PDF-Dokument der Arbeit mit englischem Abstract
Bei der MG wird die Auswahl von einer eigens für den FIEC Award eingerichteten Jury vorgenommen, die sich aus Vertreter*innen der Fachbereiche Gräzistik, Latinistik, Alte Geschichte und Klassische Archäologie zusammensetzt.
Kontaktadressen
Dt. Altphilologenverband: wird noch bekanntgegeben Mommsen-Gesellschaft: Dr. Thomas Ganschow (geschaeftsstelle(at)mommsen-gesellschaft.de)
Die Mommsen-Gesellschaft lädt Sie herzlich ein zu ihren inzwischen schon traditionellen AAH-Mommsen-Lectures 2026. Zwei Vortragende von beiden Seiten des Atlantik präsentieren ihre neuesten Forschungen.
Wann? Am Montag, 2. November 2026, 18:00 Uhr (Mitteleuropäische Zeit)
Wo? Virtuell – Anmeldung bis zum 29. Oktober erforderlich: schriftfuehrerin@mommsen-gesellschaft.de Frau Brandenburg, unsere Schriftführerin, wird Ihnen dann rechtzeitig den Zoom-Link zusenden.
Die Veranstaltung wird auf Englisch abgehalten.
Unser Programm:
Mars, the she-wolf, and the Roman community
Jaclyn Neel Associate Professor of Greek and Roman Studies, Carleton University, Ottawa
Reading Multilingual Inscriptions: Visual Organisation and the Construction of Audiences in the Graeco-Roman World
Sara Chiarini Lehrstuhl Klassische Philologie, Universität Potsdam
Abstracts der beiden Vorträge finden Sie auf unserem Flyer.
Im Frühjahr 2023 stattete ich dem evangelischen Dreifaltigkeitsfriedhofs II an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg einen Besuch ab. Dort sind viele Geistesgrößen bestattet, nicht nur des 19. Jahrhunderts. Inzwischen hat sich die Begräbniskultur so geändert, dass man dort Grabstätten erwerben und sich seine postume Nachbarschaft auswählen kann. So fand ich das Grab des Germanisten und Komparatisten Gert Mattenklott (1942-2009), nicht weit von dem Schleiermachers entfernt. Aber eigentlich ging es darum, an Theodor Mommsens Grab zu verweilen.
Wir waren davon nicht erbaut: Ein Ehrengrab des Landes Berlin, aber mit krummer Steineinfassung, verrosteter Metallumrahmung, vernachlässigter Bepflanzung und viel struppigem Wildwuchs. Eine Esche hatte schief und ungehindert wachsen können und die Steinplatte im Hintergrund ins Wanken gebracht, ebenso die abschließende Ziegelmauer. Der kleine Weg zum Nachbargrab der Familie Reimer führte zu einer Abstellfläche mit nicht mehr benötigten Grabsteinen, Gerümpel und Arbeitsgerät.
Was tun? Herausfinden, wer für die Ehrengräber zuständig ist, dem Bezirk schreiben, sich an die Senatsverwaltung wenden, die Friedhofsverwaltung einschalten – die Reaktion, nach etlichen Wochen und Nachfragen, war fast vorhersehbar: Keine unmittelbare Einsturzgefahr, kein Geld, also auch kein Handlungsbedarf.
Es war Stefan Rebenich, der meine Klagen aufgriff und einen giftigen Artikel für die FAZ schrieb,[1] und es war Christoph Markschies, der mich daraufhin früh morgens anrief und erklärte: „Da muss man doch etwas tun!“
Die Renovierung
Ganz so einfach stellte sich das Unterfangen nicht dar, galt es doch zunächst, alle Beteiligten und vor allem alle Genehmigenden an einen Tisch zu bekommen. Schließlich arbeiteten Friedhofsamt und Denkmalbehörde zuverlässig und produktiv mit und viele verschiedene Gewerke wurden tätig.
Restauriert wurden die Umzäunung mit ihren metallenen Schmuckelementen, die Schwellen, die Pfosten und das Ziegelmauerwerk. Auch die Bepflanzung wurde zum Schluss in Ordnung gebracht. Im Sommer 2025, also gut drei Jahre später, war es dann soweit und die würdig und geschmackvoll wieder hergerichtete Grabstelle konnte im Kreise der Familie und vieler engagierter und interessierter Gäste präsentiert werden.
Wie kam das Geld zusammen? Ein ziemlich kleiner Anteil wurde durch Spenden eingesammelt, von der Familie Mommsen und von Mitgliedern der Mommsengesellschaft. Wie Christoph Markschies formulierte: „Ohne Mommsen gäbe es uns hier alle nicht, also müssen wir uns verantwortlich fühlen.“
Etwa 20.000 € der Gesamtkosten von 35.000 € brachte das Landesdenkmalamt auf, während etwa 15.000 Euro über Spenden eingesammelt wurden. Der größte Teil stammt von der Gesellschaft der Freunde der BBAW (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).
Und sowohl der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte, vor allem Frau Katrin Manke, wie auch die Denkmalbehörde, vor allem Frau Gesine Sturm vom Landesdenkmalamt, hatten geholfen. Ihre Kenntnis der Abläufe, die Erfahrung bei der Antragstellung und ihre Erfahrung machten es möglich, dass die erforderliche Summe zusammenkam und die komplexen Renovierungsarbeiten koordiniert und kompetent stattfanden.
Zur Geschichte der Grabstätte
Bei der kleinen Feier am 18. Juli 2025 auf dem Kreuzberger Friedhof informierte wiederum Stefan Rebenich über die Geschichte der Grabstätte[2].
Aufnahme aus dem Bildarchiv Foto Marburg (um 1930) https://www.bildindex.de/document/obj20496801?part=0&medium=fm824271
Bewegend ist, was wir über den Erwerb des Grabes erfahren. Das erste Familienmitglied, das dort beerdigt wurde, war Theodor Mommsens Sohn Kurt, der mit sechs Jahren am 2. April 1869 an Scharlach verstorben war. Der Vater hielt sich zu dieser Zeit für Arbeiten am CIL in Italien auf, und Marie Mommsen musste ihm die Todesnachricht per Telegramm nach Rom zustellen.
Die etwa 20 qm große Grabstätte befand sich neben der Erbbegräbnisstätte des Bankdirektors Karl Mommsen (1861-1922), die inzwischen aber eingeebnet ist. Auf der Rückseite der begrenzenden Mauer ist das Erbbegräbnis der Familie Reimer. Nur wenige Meter entfernt, auf dem Friedhofsareal der Gemeinde Jerusalems- und Neue Kirche, liegt das Grab von Max Weber sen. (1836-1897; Vater des Soziologen Max Weber) und seiner Frau Helene, geb. Fallenstein (1844-1919), sowie deren Tochter Clara (1875-1953) und ihrem Mann, dem Arzt Ernst Mommsen (1863-1930), einem Sohn von Theodor und Marie Mommsen.
Die Belegung
(nach einer Skizze des Enkels Wolfgang A. Mommsen [1907-1986], des Präsidenten des Bundesarchivs in Koblenz, die uns Henrik Adler zugänglich gemacht hat)
1 Kurt, Sohn (19.7.1862 – 12.4.1869) Hans, Sohn (13.7.1873 – 23.1.1941) Gaswerksdirektor 2. Käthe, Tochter (8.7.1864 – 10.11.1880) Conrad, Sohn (10.5.1871 – 4.11.1946) Admiral – Urnenbeisetzung 3. Lisbeth, Tochter (26.6.1859 – 28.8.1910) 4. Max, Sohn (21.10.1874 – 22.12.1874) 5. Otto, Sohn (4.8.1876 – 23.8.1877) 4. oder 5. Zoë, geb. Krüger (18.12.1891 – 6.3.1944), Adoptivtochter von Adelheid. Eventuell ist hier auch Adelheid selbst begraben (7.1.1869 – 14.10.1953), Lehrerin.
Henrik Adler hat uns auch erläutert, dass die Pflege des Grabes von den männlichen Nachkommen geleistet werden sollte, solange der letzte Enkel lebte; das war Walter (1911-2003), der Sohn von Hans Mommsen. 1952 wurde das Grab in ein Ehrengrab der Stadt Berlin umgewandelt; diese Ehrung wurde 2016 bestätigt.
Was wissen wir über das Begräbnis von Theodor Mommsen?
Wir können hier auf die Erinnerungen von Adolf Harnack zurückgreifen, in denen die Rede enthalten ist, die er am 5. November 1903 bei der Begräbnisfeier in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gehalten hat. Dort berichtet Harnack, dass Mommsen kurz vor seinem Tod ihm gegenüber das alte Kirchenlied mit dem Text von Johann Rist ‚O Ewigkeit, du Donnerwort‘ zitiert habe:
„O Ewigkeit, du Donnerwort, / O Schwert, das durch die Seele bohrt,/ O Anfang sonder Ende! / O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, / Ich weiß vor großer Traurigkeit /Nicht, wo ich mich hinwende./ Mein ganz erschrocken Herz erbebt, /Dass mir die Zung am Gaumen klebt.“
Es ist hier nicht der Ort, über Mommsens Gläubigkeit oder innere Überzeugungen nachzusinnen, aber es ist erschütternd, sich klarzumachen, dass drei seiner Söhne im Kindesalter verstorben sind.
Wollen wir hoffen, dass die Grabstätte unseres Namenspatrons weiterhin in angemessenem Zustand erhalten bleibt und für die Besucher einen Anlass bietet, sich des Wissenschaftlers, Literaturnobelpreisträgers, aufrechten Politikers und Bürgers und auch Familienvaters zu erinnern!
Bericht: 38. Große Mommsen-Tagung: „Streit – Konflikt – Disput: Antike Antagonismen im interdisziplinären Fokus“
Rund ein halbes Jahr, nachdem die Mommsen-Gesellschaft ihr 75-jähriges Bestehen im Rahmen eines Festaktes in Frankfurt am Main zelebrieren konnte, waren ihre Mitglieder erneut ins Rhein-Main-Gebiet geladen, um sich am zweijährigen akademischen Höhepunkt des Vereinslebens zu beteiligen. Zur nunmehr 38. Großen Mommsen-Tagung hatte der Erste Vorsitzende Herr Prof. Dr. Dominik Maschek, unterstützt durch den Schriftführer Herrn Lukas Reimann, vom 7. bis 9. Mai 2026 ins neugebaute Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) in Mainz am Rhein geladen. Dem Ruf folgten rund 120 Mitglieder und auswärtige Gäste, um sich drei Tage lang unter den Leitbegriffen „Streit – Konflikt – Disput“ mit Antagonismen der antiken Welt in ihrer ganzen Breite zu befassen und im regen Austausch zwischen den Disziplinen neue methodische Perspektiven auf ihr Verständnis zu eröffnen. Die Häufung globaler Spannungen der letzten Jahre hat erneut vor Augen geführt, wie grundlegend Antagonismen das Zusammenleben menschlicher Gemeinschaften prägen; Konflikte – in all ihren Formen, von alltäglichen Auseinandersetzungen bis hin zu militärischen Eskalationen – sind demnach nicht als Ausnahmezustand, sondern als ein konstitutives Element sozialer, politischer und kultureller Ordnungen zu betrachten. Ein Blick in die griechisch-römische Antike zeigt eindrücklich, wie sehr Streit, Konflikt und Disput als Motoren gesellschaftlicher Dynamiken wirkten, wie sie Gemeinschaften herausforderten, formten und veränderten, und wie vielfältig Strategien ihrer Bewältigung ausfallen konnten. Mit den strukturellen Bedingungen, kulturellen Deutungsmustern und narrativen Inszenierungen von Streit, Konflikt und Disput setzten sich die zwanzig breit gefächerten Beiträge aus Klassischer Archäologie, Klassischer Philologie und Alter Geschichte auseinander, welche den Kern der interdisziplinären Veranstaltung bildeten.
Eröffnet wurde die Tagung am Freitagmittag durch die Grußworte des Ersten Vorsitzenden und der Hausherrin, Generaldirektorin Frau Prof. Dr. Alexandra Busch, welche angesichts gegenwärtiger Konfliktlagen die Bedeutung diachroner Betrachtungsweisen einschließlich der griechisch-römischen Antike unterstrichen und die Anwesenden herzlich in Mainz willkommen hießen. Hierauf ergriffen Vertreterinnen und Vertreter der Schwestergesellschaften der Mommsen-Gesellschaft grüßend das Wort, namentlich Herr Prof. Dr. Stefan Feuser (DarV), Herr Prof. Dr. Stefan Freund (DAV), Frau Prof. Dr. Claudia Tiersch (VHD) und Herr Dr. William Pillot (SoPHAU), während Frau Prof. Dr. Katarzyna Marciniak (FIEC) die Teilnehmenden mit einer kinematographisch anspruchsvoll gestalteten Videobotschaft in die Altstadt Bolognas entführte.
Die in der Folge direkt anschließende erste Sektion führte die Teilnehmenden unter Anleitung von Frau Prof. Dr. Nicola Hömke weiter gen Südosten, um „Konflikt in Mythos und Ritual“ im griechischen Raum in den Fokus zu nehmen. Den Aufschlag machte Herr Prof. Dr. Christian Zgoll (Göttingen), welcher anhand der Prometheus-Mythen in Hesiods Theogonie aufzeigen konnte, wie im griechischen Mythos verschiedene Weltsichten in Gestalt von Götterrivalitäten aufeinanderstießen und verhandelt wurden. Einen Blick auf Erzählungen über zwischenmenschliche Rivalitäten wiederum eröffnete Frau PD Dr. Almut Fries (Oxford) mit ihrer komparatistischen Untersuchung historisierender ‚Ritualdramen‘ wie Aischylos’ Perser, dem hethitischen Tale of Tiššaruliya und den spanischen Fiestas de Moros y Cristianos. Herr Dr. Jörg von Alvensleben (Göttingen) rundete das Bild mit einer eingehenden Analyse griechischer Chorlieder ab, in welchen im Nachgang einer Konfliktsituation unter Rückgriff auf Elemente des Kult-Hymnos um göttlichen Beistand gebeten wird, eine Hoffnung, die sich in der griechischen Tragödie nicht selten als trügerisch erwies – ganz im Gegensatz zur Kaffeepause, zu der die Teilnehmenden nach einer angeregten Diskussion im Foyer des Leibniz-Zentrums geladen waren.
Gestärkt fand man sich wenig später zur zweiten Sektion wieder im großen Vortragssaal des Leibniz-Zentrums ein, um den philologisch geprägten Auftakt durch archäologisch-historische Betrachtungen zu Konflikten zwischen Event und Longue Durée zu komplementieren. Nach der Anmoderation durch Frau Prof. Dr. Anja Klöckner ergriff zunächst Herr David Eibeck (Mainz) das Wort, um die livianische Schilderung der innenpolitischen Spannungen in süditalischen Städten wie Kroton während der Zerreißprobe des Zweiten Punischen Krieges durch numismatische und archäologische Quellen zu ergänzen und somit ein ausdifferenzierteres Bild der innerstädtischen Rivalitäten zu zeichnen, die im Abfall der Stadt von Rom gipfelten. Rückschläge für die römischen Zentralmacht thematisierte auch der rund vier Jahrhunderte später ansetzende Beitrag aus Graz. Herr Prof. Dr. Wolfgang Spickermann und Herr Dr. Matthias Scholler stellten in ihrer Untersuchung der Reichskrise des 3. Jhs. n. Chr. heraus, dass die zahlreichen Usurpationen zugleich als Symptom einer strukturellen Legimitationskrise kaiserlicher Herrschaft wie als Ausdruck eines letztendlich stabilisierend wirkenden Aushandlungsprozesses zu verstehen sind, der im claudisch-aurelianischen Konsens mündete. Das breite historische Panorama zwischen der Bezwingung Karthagos und der Spätantike nahm dann der dritte Vortrag in den Blick, in welchem Herr Dr. Philipp Margreiter (Mainz) am Beispiel des römischen Nordafrikas demonstrierte, wie sich Antagonismen im Raum materialisierten und etwa durch Grenzbefestigungen, Militärlager und Koloniegründungen zur Ausbildung veritabler Konfliktlandschaften führten.
Der erste Konferenztag kulminierte in der Verleihung des Bruno-Snell-Preises 2026, dessen Namensgeber und Ausrichtung zunächst durch den Ersten Vorsitzenden vorgestellt wurden, bevor Herr Prof. Dr. Peter Scholz zur Bekanntgabe der Juryentscheidung und der Laudatio ans Rednerpult trat. Angesichts der großen Zahl der vorgeschlagenen Promotions- und Habilitationsschriften war es der Jury um Herrn Scholz in diesem Jahr nicht leichtgefallen, sich unter den vielen herausragenden Einreichungen auf eine Arbeit zu einigen, und somit erst nach langem Ringen gelungen, Frau Dr. Justine Diemke-Horst zur diesjährigen Preisträgerin zu erwählen. Ihre soeben im Franz Steiner-Verlag erschienene Dissertation mit dem Titel „Vorkommen und Bewertung von Depressionen in der griechisch-römischen Antike“ war den Jurymitgliedern aufgrund ihres genuin interdisziplinären Charakters wie der mustergültigen Behandlung einer schwierigen, gesamtgesellschaftlich relevanten Thematik als besonders preiswürdig erschienen. Der außergewöhnlichen Qualität der Arbeit konnten sich die Teilnehmenden während des Preisvortrages vergewissern, in dem Frau Diemke-Horst zu einer tour d’horizon durch ihre Arbeit einlud und anhand der tradierten, facettenreichen Begrifflichkeiten das antike Verständnis depressiver Krankheitsbilder skizzierte. Der akademische Fokus auf melancholia, tristitia oder das taedium vitae tat jedoch der festlichen Stimmung des Abends keinen Abbruch, im Gegenteil: während des anschließenden Sektempfanges wurde bis in die späten Abendstunden im Foyer des LEIZAs vor reich beladenen Buffettischen ausgelassen über Antikes wie Zeitgenössisches diskutiert.
Den zweiten Konferenztag eröffnete nach dem morgendlichen Kaffeeempfang die durch Frau Prof. Dr. Muriel Moser-Gerber moderierte dritte Sektion, welche gewaltvolle Konflikte in urbanen Kontexten in den Vordergrund rückte, wie beispielsweise in Alexandria. Anhand literarischer und papyrologischer Quellen konnte etwa Herr PD Dr. Andreas Hartmann (Augsburg) nachzeichnen, wie es in der ägyptischen Metropole regelmäßig zu Gewaltausbrüchen kam, welche zunehmend durch entlang religiöser und kultureller Trennlinien verlaufende Identitätsdiskurse motiviert gewesen waren. Zuvor stellte Frau PD Dr. Lisa Sannicandro (Tübingen) bei ihrer Beleuchtung der Poliorketika des Aineias Tacticus heraus, dass in den Augen des spätantiken Autors innerstädtische Eintracht die Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Abwehr äußerer Feinde während einer Belagerung darstellte. Dass Städtebelagerungen jedoch nicht nur das literarische Interesse von Militärschriftstellern wie Aineias, sondern auch von griechischen Kirchenhistorikern wecken konnten stellte Frau Dr. Nicole Kröll (Wien) unter Beweis, die in ihrem Vortrag die narrative Einbettung des klassischen topos in die Kirchengeschichtsschreibung untersuchte.
Das Thema städtischer Gewalt griff nach einer weiteren Kaffeepause auch die vierte, durch Herrn Maschek moderierte Sektion zu antiken Kriegsverbrechen auf. Im ersten Beitrag ging Herr Dr. Michael Zerjadtke (Trier / Hamburg) der Frage nach, inwiefern das klassische Griechenland bereits Kriegsverbrechen kannte bzw. ahndete, und kam nach Auswertung einer Vielzahl literarisch verbürgter Gerichtsprozesse zu dem Schluss, dass Kommandeure in der Regel lediglich für eine zu nachsichtige Behandlungen des Feindes zur Rechenschaft gezogen wurden. Kriegsgewalt im Wortsinn rückte auch Herr Prof. Dr. Lennart Gilhaus (Berlin) in den Fokus, der darlegen konnte, wie das ausgeprägte Ehren- und Statusdenken im antiken Griechenland die Gewaltanwendung gegenüber menschlicher Körper regulierte, wobei Misshandlungen zuweilen auch die Täter in Verruf bringen konnten. Dass Grenzüberschreitungen bei der Anwendung kriegerischer Gewalt zumindest in der Prinzipatszeit auch gerichtlich bestraft werden konnten, führte Herr Dr. Christian Barthel (Greifswald / Passau) anhand einiger Beispiele aus der Osthälfte des römischen Reiches vor. Eine reflektierende, gar kritische Auseinandersetzung mit den Kriegstaten der eigenen Seite wiederum arbeitete abschließend Herr Prof. Dr. Dennis Pausch (Marburg) am Beispiel der narrativ komplexen Schilderung der Ereignisse im sizilianischen Henna 214 v. Chr. bei Livius heraus.
Auf die lange, sonnige Mittagspause folgte eine kritische Auseinandersetzung mit der Stellung der deutschen Altertumswissenschaften innerhalb der Konsortien der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur während eines von Herrn Maschek moderierten Roundtables. Knapp eine Stunde lang diskutierten Frau Prof. em. Dr. Charlotte Schubert (Leipzig), Herr Florian Thiery (Mainz), Herr Prof. Dr. Johannes Wienand (Braunschweig) und Herr apl. Prof. Dr. John Wood (Mainz) über Anreize und Herausforderungen des laufenden NFDI-Prozesses und die Rolle der Mommsen-Gesellschaft. Deren Mitglieder traten im Anschluss zur Mitgliederversammlung zusammen, in der unter anderem Frau Prof. Dr. Katharina Wesselmann (Potsdam) zur neuen Ersten Vorsitzenden gewählt sowie Frau Prof. Dr. Nicola Hömke, Herr Prof. Dr. JürgenHammerstaedt und Herr Dr. Martin Lindner nach langjährigem Engagement herzlich aus dem Vorstand verabschiedet wurden. Nach einer Pause versammelten sich die Teilnehmenden erneut, um dem Festvortrag von Herrn Prof. Dr. Jörg Rüpke (Erfurt) beizuwohnen, der unter dem Titel „Urbizid: Praktizierte Phantasien und phantasierte Praktiken der Auslöschung von Städten“ eine spannende wie erschütternde Perspektive auf diese extreme Form der Konfliktaustragung eröffnete, welche im antiken Mittelmeerraum ebenso wie an modernen Kriegsschauplätzen virulent war und ist. Durch seine multiperspektivische Analyse von materieller Zerstörung, ritueller Vernichtung und narrativer Einhegung leistete der Vortrag eine Kulturgeschichte extremer Gewaltereignisse, die eine zutiefst existenzielle Schicht der conditio humana freizulegen vermochte. Der Abend klang im fröhlichen Miteinander während eines Weinempfanges im Leibniz-Zentrum für Archäologie aus.
Der dritte und letzte Konferenztag schließlich begann mit der fünften, von Herrn Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt moderierten Sektion „Wenn Philosophen streiten…“. Der Streit entzündete sich zunächst zwischen Platon und Demokrit, deren von Diogenes Laertios angedeuteter Zwist von Frau Dr. Rosa Matera (Nürnberg) unter die Lupe genommen wurde. Mit der Frage, inwiefern Donald Trump Techniken und Muster der Rhetorik antiker Sophisten und Demagogen verwendet, verweilte Frau Prof. Dr. Gyburg Uhlmann bei Platon und zeigte auf, welche argumentativen Mittel der Philosoph und seine Schüler gegen populistische Strategien zum Einsatz brachten. Der abschließende Vortrag von Dr. Tobias Hirsch (Nürnberg) nahm die Teilnehmenden von Washington D.C. mit an den makedonischen Königshof in Pella, um anhand epistolographischer Zeugnisse eine Neubewertung der Konkurrenz zwischen Akademikern und Isokrateern um die Gunst Phillipps II. vorzunehmen.
Antike Polemik stand auch im Zentrum der letzten, von Frau Prof. Dr. Nicola Hömke moderierten Sektion zu „Kritik und Replik“. Unter Anleitung von PD Dr. Jonas Scherr (Stuttgart) wohnten die Teilnehmenden zunächst dem Bestreben der nicht autochthonen Sophisten Favorinus von Arelate und Lukian von Samosata bei, Athen und sein ‚protorassistisches‘ Abstammungsdenken aufs Korn zu nehmen. Von Athen nach Sabratha wechselnd demonstrierte Jan L. Horneff am Beispiel der Apologia des Apuleius, dass der rhetorische Wettstreit vor Gericht auch jenseits des spätrepublikanischen Roms ciceronische Dimensionen hinsichtlich persuasiver Performanz und erfolgreicher character assassination erreichen konnte. Der letzte Vortrag der Tagung schließlich rückte Religion als Austragungsfläche antiker Antagonismen ins Zentrum der Betrachtung. Frau Prof. Dr. Claudia Tiersch und Herr Rogier E. M. van der Heijden (Berlin) argumentierten unter Rückgriff auf Konzepte der modernen Soziologie, dass Religion als dynamischer Aushandlungsraum des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zu verstehen ist. Um 13:30 Uhr fand hiermit die 38. Große Mommsen-Tagung ihr offizielles Ende, wenngleich die Anwesenden den bevorstehenden Abschied von Mainz noch durch die Teilnahme an einer nachmittäglichen Führung zu den archäologischen Denkmälern von Mogontiacum herauszögern konnten.
Lukas Reimann, MPhil (Mainz)
Tagungsteilnehmer/innen
Die Diskussion während des Roundtable NFDI am Freitagnachmittag
Der Sektempfang am Donnerstag Abend im Foyer des LEIZA
Die Empfängerin des Bruno-Snell-Preises 2026 Justine Diemke-Horst (Mitte) mit dem Ersten Vorsitzenden Dominik Maschek (links) und Jurymitglied Peter Scholz (rechts)
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