Aktuelles

  • Bericht: 38. Große Mommsen-Tagung: „Streit – Konflikt – Disput: Antike Antagonismen im interdisziplinären Fokus“

    Rund ein halbes Jahr, nachdem die Mommsen-Gesellschaft ihr 75-jähriges Bestehen im Rahmen eines Festaktes in Frankfurt am Main zelebrieren konnte, waren ihre Mitglieder erneut ins Rhein-Main-Gebiet geladen, um sich am zweijährigen akademischen Höhepunkt des Vereinslebens zu beteiligen. Zur nunmehr 38. Großen Mommsen-Tagung hatte der Erste Vorsitzende Herr Prof. Dr. Dominik Maschek, unterstützt durch den Schriftführer Herrn Lukas Reimann, vom 7. bis 9. Mai 2026 ins neugebaute Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) in Mainz am Rhein geladen. Dem Ruf folgten rund 120 Mitglieder und auswärtige Gäste, um sich drei Tage lang unter den Leitbegriffen „Streit – Konflikt – Disput“ mit Antagonismen der antiken Welt in ihrer ganzen Breite zu befassen und im regen Austausch zwischen den Disziplinen neue methodische Perspektiven auf ihr Verständnis zu eröffnen. Die Häufung globaler Spannungen der letzten Jahre hat erneut vor Augen geführt, wie grundlegend Antagonismen das Zusammenleben menschlicher Gemeinschaften prägen; Konflikte – in all ihren Formen, von alltäglichen Auseinandersetzungen bis hin zu militärischen Eskalationen – sind demnach nicht als Ausnahmezustand, sondern als ein konstitutives Element sozialer, politischer und kultureller Ordnungen zu betrachten. Ein Blick in die griechisch-römische Antike zeigt eindrücklich, wie sehr Streit, Konflikt und Disput als Motoren gesellschaftlicher Dynamiken wirkten, wie sie Gemeinschaften herausforderten, formten und veränderten, und wie vielfältig Strategien ihrer Bewältigung ausfallen konnten. Mit den strukturellen Bedingungen, kulturellen Deutungsmustern und narrativen Inszenierungen von Streit, Konflikt und Disput setzten sich die zwanzig breit gefächerten Beiträge aus Klassischer Archäologie, Klassischer Philologie und Alter Geschichte auseinander, welche den Kern der interdisziplinären Veranstaltung bildeten.

    Eröffnet wurde die Tagung am Freitagmittag durch die Grußworte des Ersten Vorsitzenden und der Hausherrin, Generaldirektorin Frau Prof. Dr. Alexandra Busch, welche angesichts gegenwärtiger Konfliktlagen die Bedeutung diachroner Betrachtungsweisen einschließlich der griechisch-römischen Antike unterstrichen und die Anwesenden herzlich in Mainz willkommen hießen. Hierauf ergriffen Vertreterinnen und Vertreter der Schwestergesellschaften der Mommsen-Gesellschaft grüßend das Wort, namentlich Herr Prof. Dr. Stefan Feuser (DarV), Herr Prof. Dr. Stefan Freund (DAV), Frau Prof. Dr. Claudia Tiersch (VHD) und Herr Dr. William Pillot (SoPHAU), während Frau Prof. Dr. Katarzyna Marciniak (FIEC) die Teilnehmenden mit einer kinematographisch anspruchsvoll gestalteten Videobotschaft in die Altstadt Bolognas entführte.

    Die in der Folge direkt anschließende erste Sektion führte die Teilnehmenden unter Anleitung von Frau Prof. Dr. Nicola Hömke weiter gen Südosten, um „Konflikt in Mythos und Ritual“ im griechischen Raum in den Fokus zu nehmen. Den Aufschlag machte Herr Prof. Dr. Christian Zgoll (Göttingen), welcher anhand der Prometheus-Mythen in Hesiods Theogonie aufzeigen konnte, wie im griechischen Mythos verschiedene Weltsichten in Gestalt von Götterrivalitäten aufeinanderstießen und verhandelt wurden. Einen Blick auf Erzählungen über zwischenmenschliche Rivalitäten wiederum eröffnete Frau PD Dr. Almut Fries (Oxford) mit ihrer komparatistischen Untersuchung historisierender ‚Ritualdramen‘ wie Aischylos’ Perser, dem hethitischen Tale of Tiššaruliya und den spanischen Fiestas de Moros y Cristianos. Herr Dr. Jörg von Alvensleben (Göttingen) rundete das Bild mit einer eingehenden Analyse griechischer Chorlieder ab, in welchen im Nachgang einer Konfliktsituation unter Rückgriff auf Elemente des Kult-Hymnos um göttlichen Beistand gebeten wird, eine Hoffnung, die sich in der griechischen Tragödie nicht selten als trügerisch erwies – ganz im Gegensatz zur Kaffeepause, zu der die Teilnehmenden nach einer angeregten Diskussion im Foyer des Leibniz-Zentrums geladen waren.

    Gestärkt fand man sich wenig später zur zweiten Sektion wieder im großen Vortragssaal des Leibniz-Zentrums ein, um den philologisch geprägten Auftakt durch archäologisch-historische Betrachtungen zu Konflikten zwischen Event und Longue Durée zu komplementieren. Nach der Anmoderation durch Frau Prof. Dr. Anja Klöckner ergriff zunächst Herr David Eibeck (Mainz) das Wort, um die livianische Schilderung der innenpolitischen Spannungen in süditalischen Städten wie Kroton während der Zerreißprobe des Zweiten Punischen Krieges durch numismatische und archäologische Quellen zu ergänzen und somit ein ausdifferenzierteres Bild der innerstädtischen Rivalitäten zu zeichnen, die im Abfall der Stadt von Rom gipfelten. Rückschläge für die römischen Zentralmacht thematisierte auch der rund vier Jahrhunderte später ansetzende Beitrag aus Graz. Herr Prof. Dr. Wolfgang Spickermann und Herr Dr. Matthias Scholler stellten in ihrer Untersuchung der Reichskrise des 3. Jhs. n. Chr. heraus, dass die zahlreichen Usurpationen zugleich als Symptom einer strukturellen Legimitationskrise kaiserlicher Herrschaft wie als Ausdruck eines letztendlich stabilisierend wirkenden Aushandlungsprozesses zu verstehen sind, der im claudisch-aurelianischen Konsens mündete. Das breite historische Panorama zwischen der Bezwingung Karthagos und der Spätantike nahm dann der dritte Vortrag in den Blick, in welchem Herr Dr. Philipp Margreiter (Mainz) am Beispiel des römischen Nordafrikas demonstrierte, wie sich Antagonismen im Raum materialisierten und etwa durch Grenzbefestigungen, Militärlager und Koloniegründungen zur Ausbildung veritabler Konfliktlandschaften führten.

    Der erste Konferenztag kulminierte in der Verleihung des Bruno-Snell-Preises 2026, dessen Namensgeber und Ausrichtung zunächst durch den Ersten Vorsitzenden vorgestellt wurden, bevor Herr Prof. Dr. Peter Scholz zur Bekanntgabe der Juryentscheidung und der Laudatio ans Rednerpult trat. Angesichts der großen Zahl der vorgeschlagenen Promotions- und Habilitationsschriften war es der Jury um Herrn Scholz in diesem Jahr nicht leichtgefallen, sich unter den vielen herausragenden Einreichungen auf eine Arbeit zu einigen, und somit erst nach langem Ringen gelungen, Frau Dr. Justine Diemke-Horst zur diesjährigen Preisträgerin zu erwählen. Ihre soeben im Franz Steiner-Verlag erschienene Dissertation mit dem Titel „Vorkommen und Bewertung von Depressionen in der griechisch-römischen Antike“ war den Jurymitgliedern aufgrund ihres genuin interdisziplinären Charakters wie der mustergültigen Behandlung einer schwierigen, gesamtgesellschaftlich relevanten Thematik als besonders preiswürdig erschienen. Der außergewöhnlichen Qualität der Arbeit konnten sich die Teilnehmenden während des Preisvortrages vergewissern, in dem Frau Diemke-Horst zu einer tour d’horizon durch ihre Arbeit einlud und anhand der tradierten, facettenreichen Begrifflichkeiten das antike Verständnis depressiver Krankheitsbilder skizzierte. Der akademische Fokus auf melancholia, tristitia oder das taedium vitae tat jedoch der festlichen Stimmung des Abends keinen Abbruch, im Gegenteil: während des anschließenden Sektempfanges wurde bis in die späten Abendstunden im Foyer des LEIZAs vor reich beladenen Buffettischen ausgelassen über Antikes wie Zeitgenössisches diskutiert.

    Den zweiten Konferenztag eröffnete nach dem morgendlichen Kaffeeempfang die durch Frau Prof. Dr. Muriel Moser-Gerber moderierte dritte Sektion, welche gewaltvolle Konflikte in urbanen Kontexten in den Vordergrund rückte, wie beispielsweise in Alexandria. Anhand literarischer und papyrologischer Quellen konnte etwa Herr PD Dr. Andreas Hartmann (Augsburg) nachzeichnen, wie es in der ägyptischen Metropole regelmäßig zu Gewaltausbrüchen kam, welche zunehmend durch entlang religiöser und kultureller Trennlinien verlaufende Identitätsdiskurse motiviert gewesen waren. Zuvor stellte Frau PD Dr. Lisa Sannicandro (Tübingen) bei ihrer Beleuchtung der Poliorketika des Aineias Tacticus heraus, dass in den Augen des spätantiken Autors innerstädtische Eintracht die Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Abwehr äußerer Feinde während einer Belagerung darstellte. Dass Städtebelagerungen jedoch nicht nur das literarische Interesse von Militärschriftstellern wie Aineias, sondern auch von griechischen Kirchenhistorikern wecken konnten stellte Frau Dr. Nicole Kröll (Wien) unter Beweis, die in ihrem Vortrag die narrative Einbettung des klassischen topos in die Kirchengeschichtsschreibung untersuchte.

    Das Thema städtischer Gewalt griff nach einer weiteren Kaffeepause auch die vierte, durch Herrn Maschek moderierte Sektion zu antiken Kriegsverbrechen auf. Im ersten Beitrag ging Herr Dr. Michael Zerjadtke (Trier / Hamburg) der Frage nach, inwiefern das klassische Griechenland bereits Kriegsverbrechen kannte bzw. ahndete, und kam nach Auswertung einer Vielzahl literarisch verbürgter Gerichtsprozesse zu dem Schluss, dass Kommandeure in der Regel lediglich für eine zu nachsichtige Behandlungen des Feindes zur Rechenschaft gezogen wurden. Kriegsgewalt im Wortsinn rückte auch Herr Prof. Dr. Lennart Gilhaus (Berlin) in den Fokus, der darlegen konnte, wie das ausgeprägte Ehren- und Statusdenken im antiken Griechenland die Gewaltanwendung gegenüber menschlicher Körper regulierte, wobei Misshandlungen zuweilen auch die Täter in Verruf bringen konnten. Dass Grenzüberschreitungen bei der Anwendung kriegerischer Gewalt zumindest in der Prinzipatszeit auch gerichtlich bestraft werden konnten, führte Herr Dr. Christian Barthel (Greifswald / Passau) anhand einiger Beispiele aus der Osthälfte des römischen Reiches vor. Eine reflektierende, gar kritische Auseinandersetzung mit den Kriegstaten der eigenen Seite wiederum arbeitete abschließend Herr Prof. Dr. Dennis Pausch (Marburg) am Beispiel der narrativ komplexen Schilderung der Ereignisse im sizilianischen Henna 214 v. Chr. bei Livius heraus.

    Auf die lange, sonnige Mittagspause folgte eine kritische Auseinandersetzung mit der Stellung der deutschen Altertumswissenschaften innerhalb der Konsortien der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur während eines von Herrn Maschek moderierten Roundtables. Knapp eine Stunde lang diskutierten Frau Prof. em. Dr. Charlotte Schubert (Leipzig), Herr Florian Thiery (Mainz), Herr Prof. Dr. Johannes Wienand (Braunschweig) und Herr apl. Prof. Dr. John Wood (Mainz) über Anreize und Herausforderungen des laufenden NFDI-Prozesses und die Rolle der Mommsen-Gesellschaft. Deren Mitglieder traten im Anschluss zur Mitgliederversammlung zusammen, in der unter anderem Frau Prof. Dr. Katharina Wesselmann (Potsdam) zur neuen Ersten Vorsitzenden gewählt sowie Frau Prof. Dr. Nicola Hömke, Herr Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt und Herr Dr. Martin Lindner nach langjährigem Engagement herzlich aus dem Vorstand verabschiedet wurden. Nach einer Pause versammelten sich die Teilnehmenden erneut, um dem Festvortrag von Herrn Prof. Dr. Jörg Rüpke (Erfurt) beizuwohnen, der unter dem Titel „Urbizid: Praktizierte Phantasien und phantasierte Praktiken der Auslöschung von Städten“ eine spannende wie erschütternde Perspektive auf diese extreme Form der Konfliktaustragung eröffnete, welche im antiken Mittelmeerraum ebenso wie an modernen Kriegsschauplätzen virulent war und ist. Durch seine multiperspektivische Analyse von materieller Zerstörung, ritueller Vernichtung und narrativer Einhegung leistete der Vortrag eine Kulturgeschichte extremer Gewaltereignisse, die eine zutiefst existenzielle Schicht der conditio humana freizulegen vermochte. Der Abend klang im fröhlichen Miteinander während eines Weinempfanges im Leibniz-Zentrum für Archäologie aus.

    Der dritte und letzte Konferenztag schließlich begann mit der fünften, von Herrn Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt moderierten Sektion „Wenn Philosophen streiten…“. Der Streit entzündete sich zunächst zwischen Platon und Demokrit, deren von Diogenes Laertios angedeuteter Zwist von Frau Dr. Rosa Matera (Nürnberg) unter die Lupe genommen wurde. Mit der Frage, inwiefern Donald Trump Techniken und Muster der Rhetorik antiker Sophisten und Demagogen verwendet, verweilte Frau Prof. Dr. Gyburg Uhlmann bei Platon und zeigte auf, welche argumentativen Mittel der Philosoph und seine Schüler gegen populistische Strategien zum Einsatz brachten. Der abschließende Vortrag von Dr. Tobias Hirsch (Nürnberg) nahm die Teilnehmenden von Washington D.C. mit an den makedonischen Königshof in Pella, um anhand epistolographischer Zeugnisse eine Neubewertung der Konkurrenz zwischen Akademikern und Isokrateern um die Gunst Phillipps II. vorzunehmen.

    Antike Polemik stand auch im Zentrum der letzten, von Frau Prof. Dr. Nicola Hömke moderierten Sektion zu „Kritik und Replik“. Unter Anleitung von PD Dr. Jonas Scherr (Stuttgart) wohnten die Teilnehmenden zunächst dem Bestreben der nicht autochthonen Sophisten Favorinus von Arelate und Lukian von Samosata bei, Athen und sein ‚protorassistisches‘ Abstammungsdenken aufs Korn zu nehmen. Von Athen nach Sabratha wechselnd demonstrierte Jan L. Horneff am Beispiel der Apologia des Apuleius, dass der rhetorische Wettstreit vor Gericht auch jenseits des spätrepublikanischen Roms ciceronische Dimensionen hinsichtlich persuasiver Performanz und erfolgreicher character assassination erreichen konnte. Der letzte Vortrag der Tagung schließlich rückte Religion als Austragungsfläche antiker Antagonismen ins Zentrum der Betrachtung. Frau Prof. Dr. Claudia Tiersch und Herr Rogier E. M. van der Heijden (Berlin) argumentierten unter Rückgriff auf Konzepte der modernen Soziologie, dass Religion als dynamischer Aushandlungsraum des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zu verstehen ist. Um 13:30 Uhr fand hiermit die 38. Große Mommsen-Tagung ihr offizielles Ende, wenngleich die Anwesenden den bevorstehenden Abschied von Mainz noch durch die Teilnahme an einer nachmittäglichen Führung zu den archäologischen Denkmälern von Mogontiacum herauszögern konnten.

    Lukas Reimann, MPhil (Mainz)

    Tagungsteilnehmer/innen

    Die Diskussion während des Roundtable NFDI am Freitagnachmittag

    Der Sektempfang am Donnerstag Abend im Foyer des LEIZA

    Die Empfängerin des Bruno-Snell-Preises 2026 Justine Diemke-Horst (Mitte) mit dem Ersten Vorsitzenden Dominik Maschek (links) und Jurymitglied Peter Scholz (rechts)

    Rege Diskussion in Sektion II

    Weiterlesen: Bericht: 38. Große Mommsen-Tagung: „Streit – Konflikt – Disput: Antike Antagonismen im interdisziplinären Fokus“
  • Ausschreibung Kleine Mommsen-Tagung 2027

    Die Mommsen-Gesellschaft e. V. veranstaltet alle vier Jahre eine Kleine Tagung. Als nächster Termin ist der Spätherbst 2027 vorgesehen.

    Bewerben können sich alle deutschsprachigen altertumswissenschaftlichen Institute. Die Tagung sollte interdisziplinär ausgerichtet sein und die drei großen Disziplinen Klassische Philologie, Alte Geschichte und Klassische Archäologie berücksichtigen. Die Mommsen-Gesellschaft unterstützt die Tagung mit 3.000 Euro. Die Organisation der Tagung obliegt dem Veranstalter.

    Bewerbungen richten Sie bitte an die Erste Vorsitzende der Mommsen-Gesellschaft, Frau Prof. Dr. Katharina Wesselmann (katharina.wesselmann(at)uni-potsdam.de) mit Angabe des vorgesehenen Themas der Tagung, einem Abstract und einem Terminvorschlag.

    Weitere Hinweise finden Sie unter https://mommsen-gesellschaft.de/kleine-mommsen-tagung/

    Für Fragen steht Ihnen die Geschäftsstelle gern zur Verfügung (geschaeftsstelle(at)mommsen-gesellschaft.de)

    Bewerbungsschluss ist der 30. September 2026.

    Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung.

    Weiterlesen: Ausschreibung Kleine Mommsen-Tagung 2027
  • 18. Männliche Mobilität, weibliche Handlungsmacht

    Soziale Organisation und ökonomische Praxis an der Ostadriaküste
    in hellenistischer und römischer Zeit

    Rebecca Kreßner, Münster

    Liburner, Illyrer und Epiroten – wenn die griechischen und römischen Autoren vom 4. Jhd. v. Chr. bis in die römische Zeit hinein über diese Völkerschaften an der östlichen Adriaküste berichten, zeigen sie sich nicht selten erstaunt oder befremdet von dem, was sie sahen. Denn die dortigen Frauen waren für die Autoren ungewöhnlich präsent und tatkräftig, sie bewegten sich ungezwungen in ihrer Gesellschaft und sollen diese geradezu beherrscht haben. Die Männer wiederum begegnen in den Quellen überwiegend als Seefahrer und Seeräuber, Hirten oder Söldner – Tätigkeiten, mit denen sie für ihren Lebensunterhalt sorgten, für die sie jedoch in die Ferne ziehen mussten und daher für längere Zeit von ihren Familien abwesend waren. Hängt die prominente Position der Frauen mit diesem Umstand zusammen? Inwiefern bedingten sich Wirtschaftsweisen und soziale Strukturen der ostadriatischen Völkerschaften?

    Die Studie Männliche Mobilität, weibliche Handlungsmacht (Dissertationsschrift, Universität Trier) untersucht ebendiese Wechselwirkungen, denn die Liburner, Illyrer und Epiroten haben in wirtschafts-, sozial- und geschlechtergeschichtlicher Hinsicht einiges zu bieten: Nicht nur die antiken Autoren erwähnen die Frauen in ihren Werken, auch die erhaltenen Inschriften weisen eine hohe Präsenz von Frauen auf und zeigen sie in wichtigen Positionen in ihren Familien und als handlungsmächtige Akteurinnen bei verschiedenen Tätigkeiten in ökonomischen und rechtlichen Kontexten.

    Die Arbeit richtet mithin neben einer Darstellung der jeweiligen Lebenswelt der Liburner, Illyrer und Epiroten das Augenmerk besonders darauf, wie sich eine systematische – das heißt, eine regelmäßig und jeweils über längere Zeiträume stattfindende – Abwesenheit der Männer auf soziale Strukturen auswirkte.

    Auszugehen war von den folgenden Prämissen: Ohne die (körperlich fitten) Männer waren es die erwachsenen Frauen, die die hauptsächlichen Arbeitskräfte eines Haushaltes stellten und diesen in der Zwischenzeit am Leben erhalten mussten. Seefahrer, Söldner sowie Viehzüchter, die angesichts der von hohen und schroffen Gebirgszügen dominierten Landschaft der Ostadriaküste je nach Jahreszeit zwischen Weiden auf den verschiedenen Höhenlagen der Berge hin- und herwechselten, konnten nicht jeden Abend ihre erwirtschafteten Gewinne oder Beutestücke zu ihrer Familie bringen – die an der Wohnstatt bleibenden Familienmitglieder mussten durch eigene ökonomische Tätigkeit ihre Versorgung sicherstellen. Wenn die Frauen einer solchen nachgingen, mussten sie zugleich die Betreuung ihrer Kinder gewährleisten, wofür sie unterstützende Strukturen benötigten, etwa, indem sie mit weiteren Verwandten zusammenlebten, von denen ältere Personen diese Aufgabe – sowie weitere körperlich nicht zu anspruchsvolle – übernehmen konnten. Weiterhin müssen die Frauen eine gewisse Geschäftsfähigkeit besessen haben, um die Handlungsfähigkeit der Familie nach außen hin zu bewahren, auch dann, wenn den Männern unterwegs etwas zustoßen sollte.

    In der Tat weisen die literarischen und inschriftlichen Quellen einschlägige Anhaltspunkte auf, die die Frauen in genau diesen drei Bereichen der Arbeitskraft, der Haushaltsstruktur und der Geschäftsfähigkeit zeigen.

    M. Terentius Varro, der während eines Feldzuges wahrscheinlich persönlich vor Ort war, staunt über die schwer arbeitenden illyrischen und liburnischen Frauen, die er überall zu sehen bekam. Sklavinnen und Sklaven arbeiteten häufig an deren Seite und befanden sich oftmals im Besitz der Frauen oder der gesamten Familie. Die Bleitäfelchen aus dem Orakelheiligtum in Dodona zeigen Frauen, die wirtschaftliche Überlegungen anstellen, legen aber auch nahe, dass sich etliche Familien nicht nur auf ein Standbein verließen, um Einkommen zu erzielen, sondern für mehrere und parallel auszuübende Tätigkeiten offen waren.

    Was die Haushaltsstrukturen angeht, führen zahlreiche Grab- und Freilassungsinschriften Familien vor Augen, die nicht nur aus der Kernfamilie – Mutter, Vater, Kinder – bestanden, sondern auch Verwandte des erweiterten Familienkreises umfassten. Mitunter sind regelrechte ‚Patchworkfamilien‘ zu erkennen. Häufig weisen sie ein matrilokales Residenzmuster auf, das heißt, dass hier Männer nach ihrer Eheschließung zur Familie ihrer Ehefrau gezogen sind. Dieses Muster kommt auch dann vor, wenn eine Familie Söhne – und nicht ausschließlich Töchter – besaß, und ist folglich nicht als Notfallmechanismus bei fehlendem männlichen Nachwuchs zu verstehen, sondern stand in Wechselwirkung mit wirtschaftlichen Tätigkeiten, die bei männlicher Abwesenheit zu mehr auf Frauen bezogenen Strukturen führen konnten.

    Weiterhin zeigen die Quellen eine hohe Geschäftsfähigkeit der Frauen: Sie waren ohne Vormund besitz- und vermögensfähig, veräußerten Besitz, erbten und vererbten, schlossen Kauf- und Mietverträge ab oder bekamen ein Bürgerrecht (politeia) verliehen. Viele von ihnen besaßen eigene Sklavinnen und Sklaven und waren maßgeblich für die Gestaltung von Familiengrabsteinen und damit für die Repräsentation der Familie für die Nachwelt verantwortlich. Generell zeigt sich eine Sozialisierung, die Frauen auf eine mündige Rolle in der Gemeinschaft vorbereitete, die sie ausfüllen mussten, wenn ihre Männer häufig abwesend waren. Die Quellen zeigen: Die Familien an der antiken Ostadriaküste reagierten flexibel auf ihre jeweiligen Lebensumstände und entwickelten unterschiedliche Strategien, um ihnen zu begegnen. Da ökonomische Tätigkeiten immer auch praktisch durchführbar sein mussten, trugen soziale Strukturen dem Rechnung, und hier treten uns Frauen und ihr Wirken in entscheidender Weise entgegen. Denn mobile Wirtschaftsweisen wie Seefahrt, Viehzucht oder ein ‚hauptberufliches‘ Kriegerdasein, denen vor allem Männer nachgingen, waren häufig erst auf der Grundlage der Arbeit ihrer Frauen und sonstigen Angehörigen durchführbar, deren ökonomische Bedeutung nicht länger unterschätzt oder kleingeredet werden sollte. Dies gilt nicht nur für die Ostadriaküste, sondern dürfte sich auch auf weitere Regionen des antiken Mittelmeerraumes anwenden lassen.

    Weiterlesen: 18. Männliche Mobilität, weibliche Handlungsmacht
  • Aktuelles aus der Mommsen-Gesellschaft

    Unsere neue Webseite

    Das Team der Mommsen-Gesellschaft freut sich, Ihnen unseren neuen Webauftritt zu präsentieren. Von der Optik her ändert sich wenig, damit Sie sich nicht umzugewöhnen brauchen. Nur die Startseite wurde zur besseren Übersicht neu strukturiert und um den Veranstaltungskalender erweitert.

    Unter den Menüs in der Kopfzeile haben wir etwas „aufgeräumt“ und klarer als bisher die Angebote der Mommsen-Gesellschaft herausgestellt. Unter dem Punkt „Unsere Angebote“ erwartet Sie das gesamte Spektrum unserer Veranstaltungen und Förderungen, unter „Unser Service“ finden Sie einerseits Anträge (z.B. auf Mitgliedschaft oder zum Abonnieren unserer Informationsangebote), andererseits Rubriken mit nützlichen Hinweisen (Dissertations- und Habilitationsverzeichnis, NFDI) und nicht zuletzt unser Archiv, das zum Blättern einlädt.

    Ganz neu stellen wir Ihnen einen Leitfaden für ein standardisiertes Forschungsdatenmanagement für die Altertumswissenschaften zur Verfügung, den Sie über den Button „Qualitätssicherung datenbasierter Forschung“ auf der Startseite unten erreichen.

    Angesichts der fortschreitenden digitalen Transformation auch in den klassischen Altertumswissenschaften ist eine systematische Qualitätssicherung im Bereich des datenbasierten Arbeitens notwendig. Um dieser Herausforderung zu begegnen, wurde ein Leitfaden entwickelt, der konkrete Empfehlungen für replizierbare Workflows und ein standardisiertes Forschungsdatenmanagement nach den FAIR-Prinzipien bietet. Ergänzend dazu bietet eine integrierte Protokollvorlage als praktische Hilfestellung ein Muster für standardisiertes und reproduzierbares Arbeiten, um die erzielten Ergebnisse systematisch in die fachwissenschaftliche Interpretation zu überführen.

    Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Erkunden unserer neuen Webseite. Uns ist bewusst, dass wir (noch) nicht alle Wünsche erfüllen können, aber wir arbeiten daran. Unser Hauptaugenmerk gilt einem internen Mitgliederbereich, der vor allem das lang vermisste Mitgliederverzeichnis enthalten wird.

    Weiterlesen: Unsere neue Webseite