Alte Geschichte in Passau in Gefahr

Die Sparzwänge, denen viele Universitäten – nicht nur in Deutschland – ausgesetzt sind, bedrohen die Existenz vieler sogenannter Kleiner Fächer, zu denen in besonderem Maße die Altertumswissenschaften gehören.

Lesen Sie hier einen offenen Brief unseres Kollegen Herrn Prof. Dr. Oliver Stoll über die Lage in Passau:

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, der Mommsen-Gesellschaft und des Deutschen Hochschulverbandes!

Dass in Bayern an manchen – zumindest den kleineren – Universitäten mittlerweile ein extremer Sparzwang mit großen Auswirkungen auf den Universitätsalltag Fakt ist, ist allen bekannt – wesentliche Informationen haben in den letzten Monaten ja auch ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden (https://www.pnp.de/lokales/stadt-passau/um-haushalt-zu-retten-uni-passau-kuendigt-intern-sparmassnahmen-an-18821567 [7.6.2025]; https://www.pnp.de/lokales/stadt-passau/uni-passau-auf-sparkurs-praesident-prof-dr-bartosch-im-interview-19337690 [23.8.2025]; https://www.br.de/nachrichten/bayern/sparzwang-an-universitaeten-kommt-im-hoersaal-an,UzE4KKc [13.10.2025]; https://www.unserradio.de/protest-gegen-finanzielle-kuerzungen-an-universitaet-194029/ [7.11.2025]).

Die Universität Passau betrifft das in besonderem Maß, Zunächst waren in einem internen Schreiben Sparmaßnahmen angekündigt worden, die an die Fakultäten weitergegeben worden sind. Allerdings ist das Ausmaß der Misere, trotz interner Regelungen dazu, bald öffentlich geworden. Mittlerweile haben sich auch die Studierenden zu Wort gemeldet (siehe oben, der letztgenannte link), die den derzeitigen Kurs der Regierung Bayerns sowie die Transparenz der Hochschule Passau kritisieren. Es gibt als Konsequenz der Misere massive Einschnitte in Lehre und Arbeitsbedingungen, zum Beispiel bei Lehraufträgen (nur noch einer pro Semester etwa für die Alte Geschichte); Tutorien wurden gestrichen, außerdem fehlen allgemein Mittel für Forschung und Lehre.

Die Alte Geschichte in Passau hatte seit der Emeritierung von Herrn Prof. Dr. H. Wolff, die mit einer Zusammenstreichung der Ausstattung und einer Herabstufung von W3 zu W2 und dem Wandel von einem Lehrstuhl zur Professur einherging, keine feste Personalgrundausstattung mehr, bestand aus einem Professor und einer 0,25 Sekretariatsstelle – damit war sie definitiv die kleinste und stets unterausgestattete Abteilung der Alten Geschichte in Bayern; MitarbeiterInnen, die an die Professur geholt werden konnten, waren immer selbst über Drittmittel oder Mittel zur Verbesserung der Lehre kompetitiv eingeworben, auch Lehraufträge (auch die für die Alten Sprachen, da es sonst in Passau keine Altertumswissenschaft gibt) waren jedes Mal neu ‚umkämpft‘ bzw. erkämpft. Die Pflichtlehre konnte stets nur mit Hilfe von beantragten Lehraufträgen wirklich geleistet werden, denn die 9 SWS des Professors reichten eigentlich nicht aus, wenn man alle Studiengänge betrachtet, an der die Alte Geschichte beteiligt ist (natürlich sind hier in allererster Linie die Lehrämter für alle Schularten zu nennen, aber etwa auch diverse Bachelor Studiengänge, v.a. der Bachelor Historische Wissenschaften und selbstverständlich auch Masterstudiengänge wie der Master Geschichte und Gesellschaft). Immerhin gab es pro Semester rund 300 ‚Prüfungsereignisse‘, das ist für eine so kleine Abteilung nicht wenig.

Mittlerweile ist der Prozess des Sparens und des Sparzwanges fortgeschritten – alle Fakultäten in Passau müssen erhebliche Summen sparen: Ohne zu sehr in Details zu gehen, scheint eine der gefundenen oder auferlegten Lösungswege zu sein, freiwerdende Stellen zu streichen, was selbstverständlich dann auch ganze Lehrstühle oder Professuren beinhaltet. Ich komme damit zum Punkt, der eigentlich der Anlass des Informationsschreibens an Sie ist:

Mir ist – leider ohne direkte Gespräche, die mit mir geführt worden wären  – bekannt geworden, dass die Professur für Alte Geschichte nach meinem gesundheitsbedingt vorzeitigen Ausscheiden (im September 2028) aus dem Dienst kassiert werden soll. Das hat die UL offenbar bereits beschlossen, den Dekan aber hat man mit Ideen zu einer Verhandlungsgrundlage (Wie auch immer die Lösung am Ende aussieht: eine LfbA-Stelle 50% mit 9SWS? oder W1 ohne Tenure mit 5 bzw. 7 SWS als „Ersatz“? Ja, auch das Outsourcing der Alten Geschichte-Anteile der Studierenden nach Regensburg, Nürnberg-Erlangen oder Bamberg wurde offenbar erwogen) zu meinen FachkollegInnen der Fachgruppe Geschichte in Passau geschickt.

Die Arbeit und Anstrengungen in Passau, das, was in den Jahren seit 2007 in der Professur für Alte Geschichte erreicht worden ist, scheint irrelevant: eingeworbene Drittmittelprojekte, Aufbau der Münzsammlung und Etablierung der Münzdatenbank, national und international wahrgenommene Forschung, das Erarbeiten bzw. die Profilbildung eines eigenen, ‚florierenden‘ und auch aktuellen Schwerpunktes auf dem Gebiet der antiken Militärgeschichte, eine beachtliche Anzahl an entsprechenden Qualifikationsarbeiten. Auch zwei geplante und in Vorarbeiten befindliche Verbundprojekte vor Ort, an denen noch Beteiligung gesucht wurde, um die Alte Geschichte in Passau auch auf diesem Wege für die Zukunft zu sichern, waren kein Argument. Mit der Alten Geschichte verliert auch das zentrale Institut der Universität IKON („Institut für Kulturraumstudien in Ostbayern und den Nachbargebieten“) – das in die Region hinein eine erhebliche Ausstrahlung hat und etwa auch mit den Museen der Stadt, z.B. dem Römermuseum, kooperiert – einen traditionellen Teil seines Direktoriums. Keine Alte Geschichte also mehr in der ‚Römerstadt Passau‘?

Dass das alles jedenfalls der ‚Tod der Alten Geschichte‘ in Passau ist – mindestens was Forschung angeht, aber natürlich auch in weiten Teilen der Lehre, die qualitativ und quantitativ ohne Zweifel Abstriche hinnehmen wird – brauche ich Ihnen nicht weiter zu erläutern. Auch die Nachwuchsförderung wird am Standort in unserem Bereich Einbußen erleiden bzw. nicht mehr wirklich über ein bestimmtes Niveau hinaus möglich sein. Für wen unter den NachwuchswissenschafterInnen wird eine (wie auch immer dann ausgestaltete) ‚Althistoriker-Stelle‘ in Passau interessant und attraktiv sein? Das Ganze hat sicher auf die eine oder andere Weise Konsequenzen – zumindest für die ‚bayerische Alte Geschichte‘.

Mit dieser Information ist selbstverständlich keine Handlungsaufforderung meinerseits an Sie verbunden, es geht um Information und Öffentlichkeit für einen Umstand, den ich auch hochschulpolitisch als entsprechend bedeutsam erachte. Ich will nur darauf hinweisen, dass das Beispiel ja, in Bayern zumal, vielleicht aber auch anderswo, eventuell noch weiter Schule machen könnte – gerade an kleineren Universitäten. Vielleicht sollten die potentiell betroffenen KollegInnen über entsprechende hochschulpolitisch begleitete ‚Schutzmaßnahmen‘ an ihren Universitäten schon jetzt verstärkt prophylaktisch nachdenken. Eine scheinbare Unverzichtbarkeit der Alten Geschichte (und sei es im Lehramt) ist nichts, worauf man sich mit Blick auf die Bestandswahrung der Lehrstühle und Professuren verlassen kann – die prinzipielle Unverzichtbarkeit haben meine von mir geschätzten KollegInnen in Passau auch stets zu bedenken gegeben und sie werden sich jetzt dennoch mit den oben genannten Minimallösungen für eine unbestimmte Zukunft herumschlagen müssen!

In diesem Sinne verbleibe ich mit bestem Gruß,

Oliver Stoll

Univ.-Prof. Dr. Oliver Stoll
Professur für Alte Geschichte
Universität Passau