Zum Raum wird hier die Zeit

Ein Gastkommentar zur geplanten Streichung der Archäologien an der HU-Berlin

von Dominik Maschek

(in leicht abgewandelter Form erschienen in der FAZ vom 4. März 2026)

Eine Zeitenwende geht um in Europa. Ihre Symptome sind allerorten zu spüren, in Form von Krieg, stockendem Wirtschaftswachstum sowie politischer und gesellschaftlicher Polarisierung. Und auch vor Kultur, Bildung und Forschung macht diese Zeitenwende nicht halt. Im Gleichschritt mit der militärischen Aufrüstung verschieben sich auch in Deutschland die budgetären Prioritäten – und wenn dann noch eine prekäre Haushaltslage herrscht, wird der Rotstift dort angesetzt, wo scheinbar die geringste Relevanz für die Gesellschaft liegt, wo, um in der streng kapitalistischen Logik der Finanzpolitiker zu bleiben, das Investment den geringsten Profit abwirft.

Angesichts dieser Tatsache ist es vielleicht auch kein Zufall, dass heute an einer renommierten Institution wie der Humboldt-Universität zu Berlin die archäologischen Fächer vor dem Aus stehen. Es wäre nun aber deutlich zu kurz gegriffen, dieses drohende Ende der Archäologien an der Humboldt-Universität nur als das Resultat eines schwächelnden Haushalts zu verstehen. Vielmehr erzählt es uns viel über das Unterbewusstsein unserer Gegenwartsgesellschaft. Denn die Archäologie ist im Kern eine unbequeme Wissenschaft. Sie beschäftigt sich damit, das Verborgene aufzudecken und das Verschüttete zu erklären. Wie das Berliner Beispiel zeigt, wird diese Beschäftigung heutzutage offenbar nicht mehr als Wert, sondern als lästige Bürde oder vielleicht sogar, zumindest unbewusst, als Gefahr begriffen.

In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass Siegmund Freud in der Archäologie eine der Psychoanalyse auf das Engste verwandte Wissenschaft sah. Ebenso wie die Psychoanalyse im Wien des Fin de Siècle leitet die Archäologie ihre Studierenden und Forschenden dazu an, sich nicht mit dem schönen Schein der Oberfläche zufrieden zu geben, sondern den Problemen und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen. In der Analyse vergangener Epochen bedeutet das nicht zuletzt einen kritischen Blick darauf, wie, immer und immer wieder, Systeme von Ausbeutung, Propaganda und Machtausübung mit bestimmten Absichten und Interessen konstruiert und aufrechterhalten wurden – aber auch, wie diese Systeme letzten Endes zerbrochen und vom Antlitz der Erde verschwunden sind. Dieses unausweichliche Verschwinden und Vergehen ist es, an das die moderne Wohlstandsgesellschaft nicht gerne erinnert werden möchte. Statt seiner Bewusstmachung durch wissenschaftliche Forschung und universitäre Lehre scheint es zumindest in manchen Einrichtungen deshalb offenbar opportun, die entsprechenden Fächer einfach aus dem universitären Kanon zu entfernen.

Doch die archäologische Beschäftigung mit der Vergangenheit offenbart nicht nur eine existenzielle Vergänglichkeit, die das moderne Streben nach Vitalität, Fortschritt und Wachstum konterkariert. Sie ermöglicht auch eine Erfahrung der Vergangenheit, die in ihrer Unmittelbarkeit einmalig ist. Die Art dieser Erfahrung hat ein berühmter Zeitgenosse Siegmund Freuds auf den Punkt gebracht: „Zum Raum wird hier die Zeit“. So beschreibt in Richard Wagners „Parsifal“ der weise Ritter Gurnemanz das eigentlich Unbeschreibbare: jenen Moment der puren Transzendenz, in dem die Gemeinschaft der Ritter durch die Kommunion aus dem heiligen Gral in direkter Linie das letzte Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern fortsetzt. Zum Raum und zum Gegenstand gewordene Zeit, durch die wir einen unmittelbaren Zugang zur Menschheitsgeschichte erhalten: damit beschäftigt sich die Archäologie, und das macht auch ihre breitenwirksame Faszination aus. Wir wären als Gesellschaft gut beraten, diese einzigartige Form der Geschichtserfahrung nicht gering zu schätzen.