Interdisziplinäres E-Journal für Erzählforschung
Interdisciplinary E-Journal for Narrative Research
https://www.diegesis.uni-wuppertal.de
Erscheinungstermin: Juni 2027
Thema: „Versöhnung erzählen“
Sonderausgabe mit Gastherausgeber*innen:
Stefan Freund und Katharina Peetz
Abgabefrist für Abstracts: 15.06.2026
Abgabefrist für angenommene Aufsätze: 31.12.2026
Zum THEMA:
Konflikte lassen sich in die Anfänge menschlichen Zusammenlebens zurückverfolgen. Dabei machen insbesondere in der Gegenwart innerstaatliche Auseinandersetzungen – also Bürgerkriege im weitesten Sinne – den größten Anteil an gewaltsamen Konflikten weltweit aus (Statista 2025). Gerade innerstaatliche Konflikte rufen, in Phasen der Beruhigung oder nach ihrem Ende ein Bedürfnis nach Versöhnung hervor. Dabei ist Versöhnung nicht als eine umfassende Beilegung der Konfliktursachen und Heilung erlittenen Leids zu verstehen, sondern als eine Neupositionierung, ein modus vivendi, der den Beteiligten ein postkonfliktuales Weiter- und Zusammenleben ermöglicht, indem retrospektiv der Konflikt gedeutet und prospektiv eine Aussicht auf eine gewaltfreie Existenz geschaffen wird.
Im Rahmen so verstandener Versöhnungsprozesse spielen Narrative eine ganz entscheidende Rolle – sie entstehen durch das Erzählen, Aushandeln und Anerkennen von Geschichten über Gewalt, Schuld, Opfer- und Täterrollen (Haker 2019, Törmä 2024). Dabei kann man unterscheiden zwischen Kollektiverzählungen oder Metanarrativen, die ein Grundmuster der Erklärung einer Gruppe bilden, und Narrativen, die von individuellen Akteuren oder spezifischen Gruppen formuliert werden (Auerbach 2009). Solche Versöhnungserzählungen können deskriptiv oder funktional sein. Kennzeichnend ist zudem ihre Bidirektionalität: Sie bieten retrospektiv die Deutung eines Konflikts und prospektiv eine Haltung für das Weiterleben. Neben ihrem Produktions- und Rezeptionskontext lässt sich also das „Was?“ und das „Wie?“ der Versöhnungserzählungen unter Berücksichtigung von Figurenkonstellationen, Formen der narrativen Vermittlung sowie der Darstellung von Raum und Zeit narratologisch untersuchen.
Solche Narrative werden zum einen in der Literatur gestaltet, reflektiert, weiterentwickelt und festgeschrieben; zum anderen haben nicht-literarische Versöhnungserzählungen in historiographischen, politischen und theologischen Diskursen einen zentralen Stellenwert.
Anknüpfend an diese Forschungen fragt das Themenheft nach den spezifisch erzählerischen Rahmen von Versöhnung:
- Wie entstehen und verändern sich Versöhnungserzählungen in bestimmten Epochen und über längere Zeiträume hinweg?
- Gibt es Versöhnungserzählungen, die für kulturelle Kontexte spezifisch sind oder in interkulturellen Kommunikationen ausgehandelt werden?
- Wie prägen mediale und gattungsspezifische Rahmen Versöhnungserzählungen?
- Wie werden Versöhnungsprozesse in literarischen oder faktualen Erzählungen ausgehandelt?
- Wie artikuliert sich Versöhnung z.B. in autobiographischem und autofiktionalem Erzählen?
- Welche Verfahren der Versöhnungserzählung erscheinen in bestimmten Korpora, um beispielsweise Ambiguitätstoleranz, funktionale Stabilisierung, normative Sinnstiftung oder Heilung zu ermöglichen?
Wir bitten um Abstracts von 350-400 Wörtern bis spätestens zum 15.06.2026. Bitte fügen Sie außerdem eine akademische Kurzvita bei. Schicken Sie beides an die DIEGESIS-Redaktion: diegesis@uni-wuppertal.de. Über die Annahme der Abstracts entscheiden die Herausgeber*innen bis zum 15.07.2026. Die Zusendung der fertigen Aufsätze erwarten wir bis zum 31.12.2026. Erscheinen wird das DIEGESIS- Themenheft „Versöhnung erzählen“ im Juni 2027.
Wir suchen außerdem fortlaufend REZENSIONEN zu Neuerscheinungen aus allen Bereichen der Erzählforschung (maximal der letzten 2 bis 3 Jahre), und zwar auch hier ausdrücklich disziplinübergreifend, also nicht etwa nur aus den Philologien. Vorschläge für Rezensionen (in Form von einfachen Titelnennungen der zu besprechenden Bücher und ergänzt durch kurze Informationen zum akademischen Lebenslauf) können jederzeit an die oben genannte Redaktionsadresse geschickt werden. In der Regel können wir Rezensionsexemplare bei den Verlagen besorgen.
Willkommen sind uns zudem jederzeit Vorschläge für TAGUNGSBERICHTE zu allen Veranstaltungen im Bereich der Erzählforschung. Wenn Sie Vorschläge dazu einreichen, bitten wir um kurze Informationen zu Thema, Ort, Datum und den Organisator*innen der Veranstaltung sowie zum eigenen akademischen Lebenslauf.
Über DIEGESIS:
Das von der DFG geförderte E-Journal DIEGESIS. Interdisziplinäres E-Journal für Erzählforschung / Interdisciplinary E-Journal for Narrative Research erscheint als Open-Access-Publikation ausschließlich im Internet (www.diegesis.uni- wuppertal.de).
Der hohe wissenschaftliche Standard der in DIEGESIS veröffentlichten Forschungsbeiträge wird durch ein kompetitives Auswahlverfahren für Beiträge zu Themenheften sowie ein Peer Review-Verfahren gesichert.
Herausgegeben wird die Zeitschrift an der Bergischen Universität Wuppertal und in Kooperation mit dem dortigen Zentrum für Erzählforschung (ZEF) (www.zef.uni- wuppertal.de) von Matei Chihaia (Professor für Spanische und Französische Literaturwissenschaft), Carolin Gebauer (Akademische Rätin, Anglistik / Amerikanistik), Sandra Heinen (Professorin für Anglistische Literatur- und Medienwissenschaft), Matías Martínez (Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte), Katharina Rennhak (Professorin für Anglistische Literaturwissenschaft), Michael Scheffel (Professor für Allgemeine Literaturwissenschaft / Neuere deutsche Literaturwissenschaft) und Roy Sommer (Professor für Anglistische Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft).
Literaturverzeichnis
Auerbach, Yehudith (2009): „The Reconciliation Pyramid – A Narrative-Based Framework for Analyzing Identity Conflicts“. In: Political Psychology 30 (H. 2), S. 291–318.
Haker, Hille (2019): “Towards a Decolonial Narrative Ethics.” In: Humanities 8 (H. 3), 120, S. 1–31.
DOI: https://doi.org/10.3390/h8030120.
Statista (2025): „Anzahl der Kriege, Bürgerkriege und zwischenstaatlichen Konflikte nach Art des Konflikts in den Jahren von 1989 bis 2024“. (September 2025). URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/168188/umfrage/anzahl-internationale-konflikte/ (13.04.2026).
Törmä, Terhi (2024): „The Narrative Possibility of Peace and Understanding“. In: Approaching Religion 14 (H. 3), S. 54–70.
