Stellungnahme zum Eckpunktepapier zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in Niedersachsen
Brief des Ersten Vorsitzenden der Mommsen-Gesellschaft an die Kultusministerin des Landes Niedersachsen, Frau Julia Willie Hamburg
Sehr geehrte Frau Kultusministerin Hamburg,
als Vorsitzender der Mommsen-Gesellschaft möchte ich Sie auf die erheblichen Nachteile hinweisen, welche die im Eckpunktepapier zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in Niedersachsen enthaltenen Änderungen (Stand Juni 2025) für die Erlernung der zweiten und ggf. einer dritten Fremdsprache bedeuten würden, und bitten Sie dringend, diese Änderungen zu überdenken und zu modifizieren.
Mit der vorgesehenen generellen Herausnahme einer zweiten Fremdsprache aus dem von 30 auf 14 Wochenstunden reduzierten ‘Pflichtbereich’ für die 11. Klassenstufe und ihrer Überführung in den ‘Wahlpflichtbereich II’ würde sich gleich zwei erhebliche Nachteile ergeben:
(1) Der weitergeführte Unterricht in der zweiten Fremdsprache, der bislang den Regelfall darstellte (mit Kann-Bestimmungen bei Ausnahmetatbeständen wie ihrer bereits seit der 6. Klasse erfolgten Belegung), würde somit nicht mehr prioritär nahegelegt, sondern zu einer bloßen Option, die zudem für die Schülerinnen und Schüler Einschränkungen bei der weiteren Fächerwahl mit sich brächte.
(2) Die Unterbringung der zweiten Fremdsprache mit 3 Wochenstunden im ‘Wahlpflichtbereich II’ würde zu ungünstigen Folgen für diejenigen führen, die eine neu einsetzende dritte Fremdsprache (à 4 Wochenstunden) erlernen möchten, da der ebenfalls hierfür zu nutzende ‘Wahlpflichtbereich II’ insgesamt nur über 6 Stunden verfügt.
Verweisen möchten wir auch auf die KMK-Vereinbarung in der Fassung vom 6.6.2024, Punkt 7.3, nach der in der Einführungsphase grundsätzlich zwei Fremdsprachen zu belegen sind.
Die Mommsengesellschaft ist der Berufsverband von ca. 750 deutschsprachigen Forscherinnen und Forschern auf dem Gebiet des Griechisch-Römischen Altertums. In unserer Forschung ist ebenso wie in der akademischen Lehre unserer Fächer neben der Beherrschung antiker Sprachen, die ggf. auch innerhalb des Studiums erlernt oder vertieft werden können, die kontinuierliche Berücksichtigung grundlegender Forschungsbeiträge nötig, welche nicht auf Englisch oder Deutsch, sondern in weiteren modernen Sprachen publiziert sind. Wir sehen mit Besorgnis, dass der bislang für die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe geplante Umgang mit der zweiten Fremdsprache die Befähigung künftiger Studierender aus Niedersachsen für ein geisteswissenschaftliches Studium mindern würde: nicht nur im Bereich der von unserem Berufsverband vertretenen Alten Sprachen, der Archäologie und der Alten Geschichte, sondern in zahlreichen weiteren Disziplinen, beispielsweise im gesamten Geschichtsstudium, in der Philosophie und in zahlreichen modernen Philologien, aber auch in Musik- und Kunstwissenschaften. Abgesehen von diesen praktischen Erwägungen möchten wir auch darauf hinweisen, dass unabhängig von der künftigen Studienfachwahl die Erlernung mehrerer Sprachen die kulturelle Kompetenz und Urteilsfähigkeit sowie die Persönlichkeitsentwicklung entscheidend fördert.
Bitte ändern Sie daher die bislang vorgesehenen Planungen, die künftige Studierende aus Niedersachsen im Vergleich mit denjenigen anderer Bundesländer benachteiligen würden.
Hochachtungsvoll
Dominik Maschek



