Die Briefe des Phalaris im Kontext der Bildungskultur und literarischen Tradition der Kaiserzeit
Dissertation von Johannes Kern, gemeldet am 12.06.2026
Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Institut für Klassische Philologie
Die Dissertation untersucht die 148 unter dem Namen des sizilischen Tyrannen Phalaris von Akragas überlieferten Briefe – eines der umfangreichsten erhaltenen Korpora fiktiver Briefliteratur der Antike – als literarisches und kulturhistorisches Zeugnis kaiserzeitlicher Bildungskultur. Entstanden wahrscheinlich zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr., gewähren die Briefe Einblick in eine Figur, deren Ruf in der antiken Tradition nahezu durchgehend negativ ist: Phalaris gilt als Inbegriff des grausamen Tyrannen.
Diese Spannung macht sich ein unbekannter Autor – vermutlich selbst Teil der rhetorisch-literarischen Bildungselite seiner Zeit – zunutze und wählt bewusst eine Figur, gegen deren Überlieferung er schreibt. Indem Phalaris in seinen Briefen philosophische Gedanken aufgreift, enge Freundschaft bekundet, seine Gerechtigkeit betont und Gewalthandlungen als politische Notwendigkeit (ἀνάγκη) darstellt, entsteht ein komplexes literarisches Spiel: Jede philosophische Sentenz, jede Toposübernahme der historiographischen Tradition bekommt im Mund eines Tyrannen einen anderen, oft ironischen oder beunruhigenden Unterton.
Die Arbeit erschließt dieses Verfahren durch eine thematisch gegliederte Analyse ausgewählter Briefe. Sie fragt, welche literarischen, philosophischen und rhetorischen Traditionen der Text aufruft, wie er sie transformiert oder konterkariert, und vor allem welche Funktion diese Intertextualität für die Figurenzeichnung des fiktiven Briefschreibers hat. Der Brief als Gattung – in der antiken Theorie als εἰκὼν τῆς ψυχῆς, als Spiegel der Seele, verstanden – wird dabei zum Instrument einer indirekten Charakterzeichnung (ἠθοποιΐα).
Kulturhistorisch sind die Phalarisbriefe als Dokument der Zweiten Sophistik aufschlussreich: Sie zeigen, wie gebildete Autoren und Leser der Kaiserzeit mit philosophischer und historiographischer Tradition umgingen – nicht als bloße Bildungsdemonstration, sondern als kalkuliertes literarisches Projekt. Die enge Verbindung zur Progymnasmata-Tradition und zur Deklamationskultur (μελέται) macht die Briefe zu einem Zeugnis dafür, wie die rhetorische Schulbildung kreativ produktiv werden konnte.
Das Projekt schließt damit eine Forschungslücke: Eine thematisch angelegte intertextuelle Gesamterschließung des Korpus fehlt bislang. Es ergänzt die Pionierarbeiten zur Erforschung der Phalarisbriefe und liefert zugleich einen Beitrag zur breiteren Frage, wie antike Autoren philosophische und historiographische Tradition literarisch nutzbar machten.
