19. Das Ehrengrab von Theodor Mommsen

… und seine Rettung

Christiane Reitz, Berlin

Der Zustand im Jahre 2023

Im Frühjahr 2023 stattete ich dem evangelischen Dreifaltigkeitsfriedhofs II an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg einen Besuch ab. Dort sind viele Geistesgrößen bestattet, nicht nur des 19. Jahrhunderts. Inzwischen hat sich die Begräbniskultur so geändert, dass man dort Grabstätten erwerben und sich seine postume Nachbarschaft auswählen kann. So fand ich das Grab des Germanisten und Komparatisten Gert Mattenklott (1942-2009), nicht weit von dem Schleiermachers entfernt. Aber eigentlich ging es darum, an Theodor Mommsens Grab zu verweilen.

Wir waren davon nicht erbaut: Ein Ehrengrab des Landes Berlin, aber mit krummer Steineinfassung, verrosteter Metallumrahmung, vernachlässigter Bepflanzung und viel struppigem Wildwuchs. Eine Esche hatte schief und ungehindert wachsen können und die Steinplatte im Hintergrund ins Wanken gebracht, ebenso die abschließende Ziegelmauer. Der kleine Weg zum Nachbargrab der Familie Reimer führte zu einer Abstellfläche mit nicht mehr benötigten Grabsteinen, Gerümpel und Arbeitsgerät.

Was tun? Herausfinden, wer für die Ehrengräber zuständig ist, dem Bezirk schreiben, sich an die Senatsverwaltung wenden, die Friedhofsverwaltung einschalten – die Reaktion, nach etlichen Wochen und Nachfragen, war fast vorhersehbar: Keine unmittelbare Einsturzgefahr, kein Geld, also auch kein Handlungsbedarf.

Es war Stefan Rebenich, der meine Klagen aufgriff und einen giftigen Artikel für die FAZ schrieb,[1] und es war Christoph Markschies, der mich daraufhin früh morgens anrief und erklärte: „Da muss man doch etwas tun!“

Die Renovierung

Ganz so einfach stellte sich das Unterfangen nicht dar, galt es doch zunächst, alle Beteiligten und vor allem alle Genehmigenden an einen Tisch zu bekommen. Schließlich arbeiteten Friedhofsamt und Denkmalbehörde zuverlässig und produktiv mit und viele verschiedene Gewerke wurden tätig.

Restauriert wurden die Umzäunung mit ihren metallenen Schmuckelementen, die Schwellen, die Pfosten und das Ziegelmauerwerk. Auch die Bepflanzung wurde zum Schluss in Ordnung gebracht. Im Sommer 2025, also gut drei Jahre später, war es dann soweit und die würdig und geschmackvoll wieder hergerichtete Grabstelle konnte im Kreise der Familie und vieler engagierter und interessierter Gäste präsentiert werden.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies (BBAW), Tillman Wagner (Geschäftsführer Ev. Friedhofsverband Berlin Stadtmitte), Dr. Leonie Glabau (Landesdenkmalamt Berlin)
© Landesdenkmalamt Berlin, Julia Martin

Die Kosten

Wie kam das Geld zusammen?  Ein ziemlich kleiner Anteil wurde durch Spenden eingesammelt, von der Familie Mommsen und von Mitgliedern der Mommsengesellschaft. Wie Christoph Markschies formulierte: „Ohne Mommsen gäbe es uns hier alle nicht, also müssen wir uns verantwortlich fühlen.“

Etwa 20.000 € der Gesamtkosten von 35.000 € brachte das Landesdenkmalamt auf, während etwa 15.000 Euro über Spenden eingesammelt wurden. Der größte Teil stammt von der Gesellschaft der Freunde der BBAW (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

Und sowohl der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte, vor allem Frau Katrin Manke, wie auch die Denkmalbehörde, vor allem Frau Gesine Sturm vom Landesdenkmalamt, hatten geholfen. Ihre Kenntnis der Abläufe, die Erfahrung bei der Antragstellung und ihre Erfahrung machten es möglich, dass die erforderliche Summe zusammenkam und die komplexen Renovierungsarbeiten koordiniert und kompetent stattfanden.

Zur Geschichte der Grabstätte

Bei der kleinen Feier am 18. Juli 2025 auf dem Kreuzberger Friedhof informierte wiederum Stefan Rebenich über die Geschichte der Grabstätte[2].

Aufnahme aus dem Bildarchiv Foto Marburg (um 1930)
https://www.bildindex.de/document/obj20496801?part=0&medium=fm824271

Bewegend ist, was wir über den Erwerb des Grabes erfahren. Das erste Familienmitglied, das dort beerdigt wurde, war Theodor Mommsens Sohn Kurt, der mit sechs Jahren am 2. April 1869 an Scharlach verstorben war. Der Vater hielt sich zu dieser Zeit für Arbeiten am CIL in Italien auf, und Marie Mommsen musste ihm die Todesnachricht per Telegramm nach Rom zustellen.

Die etwa 20 qm große Grabstätte befand sich neben der Erbbegräbnisstätte des Bankdirektors Karl Mommsen (1861-1922), die inzwischen aber eingeebnet ist. Auf der Rückseite der begrenzenden Mauer ist das Erbbegräbnis der Familie Reimer. Nur wenige Meter entfernt, auf dem Friedhofsareal der Gemeinde Jerusalems- und Neue Kirche, liegt das Grab von Max Weber sen. (1836-1897; Vater des Soziologen Max Weber) und seiner Frau Helene, geb. Fallenstein (1844-1919), sowie deren Tochter Clara (1875-1953) und ihrem Mann, dem Arzt Ernst Mommsen (1863-1930), einem Sohn von Theodor und Marie Mommsen.

Die Belegung

(nach einer Skizze des Enkels Wolfgang A. Mommsen [1907-1986], des Präsidenten des Bundesarchivs in Koblenz, die uns Henrik Adler zugänglich gemacht hat) 

1                      Kurt, Sohn (19.7.1862 – 12.4.1869)
                               Hans, Sohn (13.7.1873 – 23.1.1941) Gaswerksdirektor
2.                    Käthe, Tochter (8.7.1864 – 10.11.1880)
                               Conrad, Sohn (10.5.1871 – 4.11.1946) Admiral – Urnenbeisetzung
3.                    Lisbeth, Tochter (26.6.1859 – 28.8.1910)
4.                    Max, Sohn (21.10.1874 – 22.12.1874)
5.                    Otto, Sohn (4.8.1876 – 23.8.1877)
4. oder 5.        Zoë, geb. Krüger (18.12.1891 – 6.3.1944), Adoptivtochter von Adelheid.
Eventuell ist hier auch Adelheid selbst begraben (7.1.1869 – 14.10.1953), Lehrerin.

Henrik Adler hat uns auch erläutert, dass die Pflege des Grabes von den männlichen Nachkommen geleistet werden sollte, solange der letzte Enkel lebte; das war Walter (1911-2003), der Sohn von Hans Mommsen. 1952 wurde das Grab in ein Ehrengrab der Stadt Berlin umgewandelt; diese Ehrung wurde 2016 bestätigt.

Was wissen wir über das Begräbnis von Theodor Mommsen?

Wir können hier auf die Erinnerungen von Adolf Harnack zurückgreifen, in denen die Rede enthalten ist, die er am 5. November 1903 bei der Begräbnisfeier in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gehalten hat.  Dort berichtet Harnack, dass Mommsen kurz vor seinem Tod ihm gegenüber das alte Kirchenlied mit dem Text von Johann Rist ‚O Ewigkeit, du Donnerwort‘ zitiert habe:

„O Ewigkeit, du Donnerwort, / O Schwert, das durch die Seele bohrt,/ O Anfang sonder Ende! / O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, / Ich weiß vor großer Traurigkeit /Nicht, wo ich mich hinwende./ Mein ganz erschrocken Herz erbebt, /Dass mir die Zung am Gaumen klebt.“

Es ist hier nicht der Ort, über Mommsens Gläubigkeit oder innere Überzeugungen nachzusinnen, aber es ist erschütternd, sich klarzumachen, dass drei seiner Söhne im Kindesalter verstorben sind.

Wollen wir hoffen, dass die Grabstätte unseres Namenspatrons weiterhin in angemessenem Zustand erhalten bleibt und für die Besucher einen Anlass bietet, sich des Wissenschaftlers, Literaturnobelpreisträgers, aufrechten Politikers und Bürgers und auch Familienvaters zu erinnern!

Berlin, im September 2026


[1] FAZ vom 22. August 2023, Nr. 194, S. 12.

[2] B. Hoeft, Berühmte Männer und Frauen Berlins und ihre Grabstätten. Bd. 1: Der Dreifaltigkeitsfriedhof in der Bergmannstraße, Berlin 1919.