Vom 19. bis 21. November 2021 fand unter der Ägide von Prof. Dr. Salvatore Settis (Scuola Normale Superiore di Pisa) das 9. Walter-de-Gruyter-Seminar der Mommsen-Gesellschaft zum Thema „Emotions and Gestures in Greek and Roman Imagery“ in Wittenberg statt. Dr. Torsten Bendschus stellte in diesem Rahmen ein aktuelles Forschungsprojekt an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg vor, das sich der Entwicklung und Anwendung digitaler Methoden in der Analyse historischer Kunstwerke widmet.


Techniken der Computer Vision einschließlich der digitalen Bilderkennung, welche auf convolutional neural networks und damit sogenannter Künstlicher Intelligenz basiert, haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht und sind mit zunehmender Häufigkeit in unterschiedlichen Formen in unserem Alltag anzutreffen. Auch in den Klassischen Altertumswissenschaften wächst die Anzahl der Projekte, die neueste digitale Methoden für verschiedene fachspezifische Anwendungsbereiche erschließen, so beispielsweise die maschinelle Sprachverarbeitung für die Klassische Philologie, die automatische Typenbestimmung antiker Münzen oder die computergestützte Klassifizierung von Keramikfragmenten.

Das von der FAU Erlangen-Nürnberg im Rahmen der Emerging Fields Initiative geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt „Iconographics. Computational Understanding of Iconography and Narration in Visual Cultural Heritage“ beschäftigt sich in enger fächerübergreifender Zusammenarbeit aus (Digitaler) Kunstgeschichte, Klassischer Archäologie, Christlicher Archäologie und Informatischen Wissenschaften mit der noch offenen Herausforderung, Methoden der Computer Vision für die Analyse historischer Kunstwerke nutzbar zu machen.[1] In den als Fallstudien ausgewählten Ikonografien der beteiligten Disziplinen stehen dabei u. a. Figureninteraktionen, nonverbale Kommunikationsformen und Figurencharakterisierungen durch Attribute als Teile der Bilderzählung im Fokus. Die fachspezifischen Bildcorpora ermöglichen indes nicht nur diachrone wie gattungsübergreifende Vergleiche und zeigen Entwicklungen auf, sondern stellen auf Grund der starken kulturellen Vielfalt und hohen Heterogenität hinsichtlich Datenbeschaffung und -menge, Gattungen, künstlerischen Stilen etc. unterschiedliche Anforderungen an die Entwicklung der Algorithmen.

Die Forschung im Rahmen des Teilprojekts der Klassischen Archäologie unter der Leitung von Prof. Dr. Corinna Reinhardt sei anhand eines Fallbeispiels kurz vorgestellt: Das Führen und Geleiten einer Frau durch einen Krieger ist ein populäres Bildschema in der attisch-schwarzfigurigen Vasenmalerei des 6. und frühen 5. Jhs. v. Chr. Es besteht aus einer weiblichen Figur, die ihr Himation als Schleier vor dem Körper hält (ἀνακάλυψης-Gestus), und einer männlichen Figur in der Vollrüstung eines griechischen Hopliten (Abb. 1). Die nicht näher namentlich identifizierten zentralen Protagonisten sind i. d. R. flankiert von mehreren weiteren Figuren, darunter Jünglinge, Frauen, Speerträger, Bogenschützen und andere Hopliten. Zwar bleibt die Körperhaltung der Frau unverändert, jedoch erzeugen das Gegenüberstehen bzw. Voranschreiten mit rückwärtig gedrehtem Kopf des Kriegers sowie das Ausbleiben von Körperkontakt bzw. das Ergreifen der Frau an Gewand, Rücken oder Hand in den Variationen dieses Schemas unterschiedliche Dimensionen von Dominanz, Bedrohung, Nähe und Distanz, die im Narrativ des Bildes auch als emotionale Elemente verstanden werden können.


Abb. 1: Frauenführungsszene mit zentralem Krieger-Frau-Paar und flankierendem Hopliten (links) sowie Jüngling (rechts) auf einer schwarzfigurigen Halsamphora des Antimenes-Malers in London (British Museum, Inv.-Nr. 1836,0224.10), um 520 v. Chr. (Bild: © The Trustees of the British Museum)

Bereits in der schwarzfigurigen Vasenmalerei wird insbesondere das Schema des Griffs an Hand oder Handgelenk (bekannt als χεῖρ’ ἐπὶ καρπῷ) auch auf andere Szenen angewandt, die durch weitere Bildelemente als mythologische Narrative konkretisiert sind, z. B. das Führen von Polyxene durch Neoptolemos zum Grab des Achilleus oder das Ergreifen der Helena durch Theseus in Anwesenheit des Peirithoos. Während unbenannte Krieger-Frau-Paare in der rotfigurigen Vasenmalerei ab dem Ende des 6. Jhs. v. Chr. kaum noch auftreten, begegnet uns das χεῖρ’ ἐπὶ καρπῷ-Schema dort sowohl in verschiedenen Szenen mythologischer Paare (z. B. Menelaos und Helena, Peleus und Thetis oder Patroklos und Briseis) als auch in Darstellungen profaner Hochzeitsprozessionen, die die Führung der Braut durch den Bräutigam zu dessen Haus darstellen. Die stil- und kontextübergreifende Verwendung eines Bildschemas erzeugt hier Bezüge zwischen unterschiedlichen Bildwerken und half den Betrachtenden, das Verhältnis der abgebildeten Figuren im jeweiligen Vasenbild zu verstehen.

Das Fallbeispiel diente im Projekt auch dem Zweck, grundsätzliche Anforderungen an eine computergestützte Bildanalyse exemplarisch abzuleiten. Konkret sind bei diesem Schema Körperhaltung, Kopf- und Fußausrichtung der Figuren, Körperkontakt sowie Objekte (wie z. B. Waffen) als signifikante Bildelemente herauszustellen. Die digitale Erkennung all dieser visuellen Elemente ist im Rahmen des Projekts erprobt worden. Von grundsätzlicher Bedeutung ist dabei das Trainieren vorhandener Modelle, welche die digitale Bilderkennung anhand einer sehr großen Anzahl moderner Fotografien erlernt haben, auf die spezifischen Charakteristika der antiken Vasenmalerei und ihrer Ikonografien. Diesem Zweck dient einerseits ein digitaler Stiltransfer (Abb. 2) eines umfangreichen verfügbaren Bilddatensets wie COCO (Common Objects in COntext), dessen Bilder (content images) stilistisch Vasenmalereien (style images) angeglichen werden (style transfer learning). Andererseits waren dem Algorithmus zusätzlich eine Vielzahl manueller Annotationen (beschriftete Markierungen von Posen, Objekten, Figuren, …) in Vasenbildern zur Verfügung zu stellen sowie die automatisiert erstellten Resultate zu prüfen und ggf. zu korrigieren (supervised learning). Dabei wurde bewusst auf semantische Annotationen (z. B. die Markierung und Beschriftung einer ganzen Szene mit „Parisurteil“) zu Gunsten einzelner Bildelemente (wie „Schwert“, „Altar“ oder „Krieger“) verzichtet.


Abb. 2: Visualisierung des sogenannten style transfer learning (Grafik: R. Kosti & P. Madhu)

Auf diesem Weg wurde beispielsweise auf Grundlage von über 42.000 Annotationen in circa 11.000 Abbildungen von Vasenbildern eine robuste digitale Objekterkennung entwickelt, deren durchschnittliche Präzision für insgesamt 81 unterschiedliche Objekte bei circa 42% liegt.[2]

Ähnlich geschah das Training einer Posenerkennung für Figuren in antiken Vasenbildern durch das manuelle Setzen von bis zu 18 Gelenkpunkten pro Figur und deren Verbindung zu Posenskeletten.[3] Diese sogenannte pose estimation (Abb. 3) diente als Grundlage für ein testweise projektintern entwickeltes Anwendungstool, das den Nutzerinnen und Nutzern erlaubt, eine beliebige Abbildung hochzuladen, in welcher das Programm automatisch zunächst die Figuren erkennt und anschließend ihre Posen bestimmt (detections), daraufhin aus einem großen Bilderpool Vasenbilder mit ähnlichen Körperhaltungen vorschlägt (retrievals) (Abb. 4).  


Abb. 3: Die einzelnen Schritte der digitalen Posenerkennung (Grafik: R. Kosti & P. Madhu)


Abb. 4: Ein mögliches Anwendungstool: die sogenannte pose-based image retrieval application (Screenshot: R. Kosti & P. Madhu)

Anwendungsmöglichkeiten wie diese gehören zu den Potenzialen, mit denen Computer Vision-Modelle bildwissenschaftliche Forschungen unterstützen können. Sie ermöglichen das schnelle Auffinden von signifikanten Bildrelationen mittels eines Vergleichs von Körperhaltungen oder Figurenausrichtungen und –konstellationen, oder aber auch der Kombination verschiedener Bildelemente wie ein Gestus mit einem bestimmten Objekt. Eng verwandte Vasenbilder aus unserem Fallbeispiel der schwarzfigurigen Frauenführungsszenen wie auch das beobachtete stil- und kontextübergreifende Auftreten einer Geste in unterschiedlichen Ikonografien sind beispielsweise demgegenüber in den gängigen textbasierten Bilddatenbanken oft nur sehr umständlich als solche auffindbar, da die jeweiligen Einzelabfragen von den Beschreibungen und Interpretationen der Autorinnen und Autoren abhängig und selbige mitunter sehr unterschiedlich sind. Gerade für Fragestellungen wie beispielsweise zum Verhältnis der Körpersprache sogenannter Beifiguren zu jener der zentralen männlichen und weiblichen Protagonisten einer Bildhandlung in der attischen Vasenmalerei (spiegelnd/verstärkend/steigernd…), die nur anhand einer großen Materialbasis untersucht werden können, werden die Algorithmen in Zukunft gewinnbringend sein.

Die sehr anregende kritische Diskussion im Rahmen des 9. Walter-de-Gruyter-Seminars, für welche ich an dieser Stelle nochmals herzlich danken möchte, bestätigte neben dem großen Potenzial derartiger Techniken aber auch unsere Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt: Die Entwicklung digitaler Methoden und ihre jeweilige disziplinäre Einbettung setzt intensiven transdisziplinären Austausch und eingehende theoretische wie methodische Reflexion voraus. Bildmaterial wie das der Klassischen Archäologie stellt ganz eigene Anforderungen (z. B. Erhaltungszustand, Stil, Darstellungskonventionen, die Materialität des Bildträgers, …), sodass eine Beteiligung des Fachgebiets an diesen technischen Entwicklungen unabdingbar ist. Gleichzeitig fordern die neuen digitalen Methoden und ihre Nutzung aber auch eine Auseinandersetzung der Forschenden mit dem Zustandekommen der Resultate und ihrer suggerierten, aber eben nur scheinbaren „Objektivität“, sodass perspektivisch ein reflektierter Umgang mit ihnen zum Profil eines „digital classicist“ gehören wird.

Torsten Bendschus, Erlangen


Anmerkungen:

[1] Informationen zu diesem Projekt finden Sie auf der Projekthomepage: https://www.izdigital.fau.de/forschung/efi-iconographics/. Näheres zum Teilprojekt der Klassischen Archäologie erfahren Sie auf der Institutshomepage der Klassischen Archäologie an der FAU Erlangen-Nürnberg: https://www.klassischearchaeologie.phil.fau.de/projekt-iconographics/. An diesem transdisziplinären Forschungsprojekt sind Prof. Dr. Peter Bell und Dirk Suckow (Kunstgeschichte), Prof. Dr. Corinna Reinhardt und Dr. Torsten Bendschus (Klassische Archäologie), Prof. Dr. Ute Verstegen und Lara Mührenberg (Christliche Archäologie) sowie Prof. Dr.-Ing. habil. Andreas Meier, Dr.-Ing. Vincent Christlein, Dr. Ronak Kosti und Prathmesh Madhu (Informatik) beteiligt.

[2] P. Madhu et al., Deep Learning based Attribute Representation in Ancient Vase Paintings, in: Digital Humanities 2020 – Intersections/Carrefours 2020 (Ottawa 2020).

[3] P. Madhu et al., Enhancing Human Pose Estimation in Ancient Vase Paintings via Perceptually-grounded Style Transfer Learning (eingereicht).

Vor einhundert Jahren erschien mit dem Band „Wirtschaft und Gesellschaft“ das postume Hauptwerk des Heidelberger Gelehrten und Professors für Nationalökonomie, Max Weber (1864–1920). In diesem Zusammenhang unterschied Weber zwischen drei Typen der Herrschaftslegitimation: So beruhe eine `legale Herrschaft´ „auf dem Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen“. Demgegenüber basiere `traditionale Herrschaft´ „auf […] von jeher geltenden Traditionen“. Die „Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft einer Person“ schließlich bilde die Grundlage `charismatischer Herrschaft´. Kennzeichnend sei dabei im Gegensatz zu den beiden anderen Typen vor allem eine „außeralltägliche“ Begründung des Charismas, etwa durch die Bewährung des Machthabers in einer Krisensituation wie insbesondere im Krieg beziehungsweise durch seine Annäherung an die göttliche Sphäre. In der Folgezeit wurde vor allem die Kategorie der charismatischen Herrschaft in der althistorischen Forschung verwendet, um spezifische Merkmale der hellenistischen Monarchien sowie des römischen Prinzipats zu beschreiben[1]. Die nachstehenden Überlegungen sollen vor diesem Hintergrund aufzeigen, inwiefern sich aus der Weber´schen Typologie auch in Hinblick auf die archäologische Überlieferung eine gewinnbringende Perspektive entwickeln lässt. Als Beispiel bietet sich in diesem Zusammenhang ein Monument an, dessen politischer Charakter in der jüngeren Forschung grundsätzlich unumstritten ist und das aufgrund von Umfang und Komplexität seiner Bildsprache zugleich optimale Voraussetzungen für eine entsprechende Untersuchung bietet: der Pergamonaltar[2].


Abb. 1 Pergamonaltar. Rekonstruktion der westlichen Front im Berliner Pergamonmuseum (Foto: wikipedia / Jan Mehlich CC BY-SA 3.0).

Der wohl in den Jahren zwischen 180 und 160 v. Chr. unter dem König Eumenes II. errichtete Pergamonaltar bildet seit seiner Entdeckung ein herausragendes Beispiel für die hellenistische Kunst im unmittelbaren Umfeld eines machtpolitisch ambitionierten Herrscherhauses. Dabei standen seit jeher insbesondere die beiden an dem Monument angebrachten Friese im Zentrum des Interesses. Während den monumentalen Sockel eine umlaufende Darstellung der Gigantomachie zierte, zeigt ein ursprünglich im Inneren angebrachter kleinerer Fries die Taten des mythischen Heros Telephos (Abb. 1). Die auffällige Diskrepanz, die für die beiden Friese des Monuments vor allem in Stil und narrativer Struktur kennzeichnend ist, wurde von der archäologischen Forschung schon früh beobachtet und seither vielfach beschrieben. Charakteristisch für den großen Fries sind die markante Relieftiefe, die die überlebensgroßen Figuren annähernd rundplastisch erscheinen lässt, sowie Stilformen, deren Dynamik und Pathos häufig als typische Merkmale hochhellenistischer Skulptur angeführt werden (Abb. 2). Das Relief des Telephosfrieses ist demgegenüber auffallend flach, die Figuren deutlich unterlebensgroß, die Darstellung in der Verwendung von Landschaftsangaben und Attributen hingegen teilweise deutlich detaillierter (Abb. 3). Darüber hinaus zeichnen sich beide Friese durch eine unterschiedliche narrative Struktur aus: Während der Kampf der Götter gegen die Giganten im Großen Fries als ein einziges synchrones Geschehen visualisiert wird, erzählt der Telephosfries die Vita des Heros in zahlreichen aufeinander folgenden Episoden. Die Archäologie hat für die hier skizzierten Eigenheiten der beiden Friese unterschiedliche Erklärungen gefunden. So wurden die markanten Unterschiede in der älteren Forschung vor allem als Ausdruck einer stilistischen Entwicklung verstanden. Der weiter unten am Bau und mithin zu einem früheren Zeitpunkt gestaltete Gigantomachiefries spiegelt dieser Auffassung nach Stilformen der hochhellenistischen Zeit, während für den wohl ein bis zwei Jahrzehnte jüngeren Telephosfries bereits eine als typisch späthellenistisch empfundene Formensprache verwendet worden sei. Erst in jüngeren Arbeiten konnte sich demgegenüber die Auffassung durchsetzen, dass sich die Divergenzen nicht primär autonomen stilgeschichtlichen Entwicklungstendenzen verdanken, sondern vielmehr unmittelbar mit den unterschiedlich gelagerten Themen der beiden Friese zu verbinden sind und sich somit als integraler Bestandteil der Bilder erklären lassen.

 


Abb. 2 Pergamonaltar, Gigantomachiefries. Zeus im Kampf gegen drei Giganten, am linken Bildrand die Löwentatze vom Umhang des Herakles (Foto: © Antikensammlung, SMB / Johannes Laurentius).

Im vorliegenden Zusammenhang erscheint nun auffällig, dass die unterschiedlichen Bildthemen der beiden Friese unmittelbar mit zwei der drei von Weber definierten Typen von Herrschaftslegitimation korrespondieren. Auf der einen Seite steht dabei die martialische Auseinandersetzung zwischen Göttern und Giganten, die sich bereits in thematischer Hinsicht unschwer als Spiegelbild des von Weber beschriebenen Typus charismatischer Herrschaftslegitimation verstehen lässt, dem ein gänzlich „außeralltägliches“ Geschehen zugrunde liegt. Auf der anderen Seite steht die Legitimation von Herrschaft durch Bezugnahme auf traditionale Strukturen, im vorliegenden Fall unter Verweis auf die Abkunft der attalidischen Dynastie von Telephos und dessen Vater Herakles. Die Figur des Herakles bildete dabei augenscheinlich eine Klammer zwischen beiden Friesen, da der Held auch in der Gigantomachie an prominenter Stelle neben Zeus am Kampf beteiligt war. Vor dem Hintergrund der etablierten Deutung des Altars erscheint diese Konvergenz der beiden Bildthemen mit unterschiedlichen Typen des Weber´schen Modells besonders auffällig. Versteht man den Altar als ein Monument, mit dem Herrschaftsauffassung und -anspruch der Attaliden sinnfällig zum Ausdruck gebracht werden sollten, so lassen die Themen der beiden Friese die doppelte Grundlage dieser Herrschaft erkennen: traditional unter Bezugnahme auf den mythischen Ahnherren der Dynastie, charismatisch durch Verweis auf die militärische Sieghaftigkeit, die in Analogie zum Sieg der Götter über die Giganten als eine unanfechtbare Überlegenheit sowie als Grundlage der bestehenden Ordnung konzeptualisiert wurde.

 

Abb. 3 Pergamonaltar, Telephosfries. Herakles findet seinen in der Wildnis ausgesetzten Sohn Telephos (Foto: © Antikensammlung, SMB / Johannes Laurentius).

Legt man diese bereits in den Bildthemen fassbare Konzeption des Monuments zugrunde, so erscheinen darüber hinaus auch die formalen stilistischen und erzählerischen Unterschiede zwischen beiden Friesen in neuem Licht. Wie in der jüngeren Forschung verschiedentlich betont, korrespondiert dabei der pathetisch-dynamische Stil des großen Frieses mit der Auffassung von der Gigantomachie als einer Auseinandersetzung von kosmischen Dimensionen, während der in nüchternen Stilformen gehaltene Telephosfries die Biographie des Heros in einer betont sachlichen Schilderung vor Augen führt. Auch die erzählerische Anlage der beiden Friese entspricht dieser Konzeption. Das „außeralltägliche“ Geschehen des Götterkampfes vollzieht sich vor den Augen des Betrachters scheinbar in einem einzigen Augenblick, wobei der Kampf in eine Reihe komplexer, ausgesprochen detailreicher Kampfgruppen untergliedert wird. Der in ihrer Dimension und Bedeutung vollkommen einmaligen, „außeralltäglichen“ Auseinandersetzung entspricht somit die synchrone Darstellungsform in Form eines einzigen monumentalen Kampfgeschehens. Demgegenüber schildert der Telephosfries die Biographie des Helden in einer Abfolge von zahlreichen Szenen, die die unterschiedlichen Taten des Heros zum Gegenstand haben. Die narrative Konzeption korrespondiert dabei gleich in zweierlei Hinsicht mit dem von Weber beschriebenen Prinzip der traditionalen Herrschaftslegitimation. Zum einen werden in der expliziten Darstellung von Herakles und der mythischen Athena-Priesterin Auge die Abkunft des Telephos und mithin der dynastische Aspekt des Mythos manifest. Zum anderen ergibt sich aus der mehrszenigen Anlage des Frieses eine Erzählweise, deren grundlegendes Prinzip ganz analog zum traditionalen dynastischen Herrschaftsmodell die chronologische Abfolge der einzelnen Szenen bildet. In der unterschiedlichen narrativen Konzeption der beiden Friese spiegeln sich damit nicht zuletzt maßgebliche Charakteristika der beiden von Weber beschriebenen Typen von Herrschaft: der Rekurs auf die ebenso herausragende wie einmalige Leistung der Herrscher durch Konzentration auf ein singuläres Schlachtgeschehen einerseits, der Verweis auf eine altehrwürdige, in vielen Stationen nachvollzogene dynastische Tradition andererseits.

Die hier für die beiden Friese des Pergamonaltars wahrscheinlich gemachte Kombination unterschiedlicher Formen der Herrschaftslegitimation ist im Zusammenhang der Konzeption des Weber´schen Modells besonders signifikant. So beschrieb Weber selbst die von ihm definierten Typen als abstrakte Kategorien, die in der historischen Realität nur selten in Reinform zu beobachten seien. Vielmehr sei die Vermischung unterschiedlicher Formen der Herrschaftslegitimation in unterschiedlichen politischen Systemen sowie in verschiedenen historischen Epochen die Regel gewesen. Versteht man den Pergamonaltar vor diesem Hintergrund als Ausdruck der attalidischen Herrschaftsauffassung, so wird offensichtlich, dass der Herrschaftsanspruch der Dynastie unter Eumenes II. gezielt auf zwei unterschiedliche Quellen der Legitimation zurückgeführt wurde, die sich komplementär ergänzten. Besonders eindrücklich manifestiert sich diese Konzeption in der Figur des Herakles, der einerseits als einziger Heros auf der Seite der Götter an der Gigantomachie beteiligt war, andererseits als Vater des Telephos zum Vorfahren der Attalidendynastie stilisiert wurde. In ihrer unterschiedlichen erzählerischen Anlage und stilistischen Ausgestaltung bilden die beiden Friese des Pergamonaltars somit ein anschauliches Beispiel für das programmatische Zusammenspiel von formaler Gestalt, narrativer Struktur und inhaltlicher Konzeption. Zugleich fällt ins Auge, wie sehr sich Eumenes II. der unterschiedlichen Möglichkeiten von Herrschaftslegitimation bewusst war und diese an dem Monument gezielt zur Anschauung bringen ließ. Das Beispiel des Pergamonaltars illustriert somit nicht zuletzt, wie das von Weber etablierte Modell auch nach 100 Jahren für die Analyse von (antiken) Herrschaftsstrukturen und -konzeptionen bereichernd wirken kann.

Burkhard Emme, Berlin

Anmerkungen:

[1] Für die hellenistischen Monarchien H.-J. Gehrke, Der siegreiche König. Überlegungen zur hellenistischen Monarchie, Archiv für Kulturgeschichte 64, 1982, 247–277; dazu kritisch H.-U. Wiemer, Siegen oder untergehen? Die hellenistische Monarchie in der neueren Forschung, in: S. Rebenich, Monarchische Herrschaft im Altertum (Berlin 2017) 305–339; für einen Überblick zur Verwendung des Begriffs in der althistorischen Forschung vgl. B. Näf, Das Charisma des Herrschers. Antike und Zeitgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jhs., in: D. Boschung – J. Hammerstaedt (Hrsg.), Das Charisma des Herrschers (Paderborn 2015) 11–52; für die Anwendung der Weber´schen Kategorien in der archäologischen Forschung mit Blick auf die Herrschaftslegitimation der römischen Kaiser vgl. den Beitrag von D. Boschung im selben Band sowie zuletzt T. Hölscher, Krieg und Kunst im antiken Griechenland und Rom. Münchner Vorlesungen zu Antiken Welten 4 (Berlin 2019) 334–336 (dort mit einem leicht modifizierten Modell).

[2] Aus der umfangreichen Literatur zum Pergamonaltar seien im Folgenden nur wenige grundlegende Publikationen genannt: H.-J. Schalles, Der Pergamon-Altar zwischen Bewertung und Verwertbarkeit (Frankfurt a.M. 1986); W.-D. Heilmeyer (Hrsg.), Der Pergamonaltar. Die neue Präsentation nach Restaurierung des Telephosfrieses (Tübingen 1997); F. Queyrel, L'autel de Pergame. Images et pouvoir en Grece d'Asie, Antiqua (Paris 2005); F.-H. Massa-Pairault, La Gigantomachie de Pergame ou l´image du monde, BCH Suppl. 50 (Paris 2007); A. Scholl, Ὀλυμπίου ἔνδοθεν αὐλή – Zur Deutung des Pergamonaltars als Palast des Zeus, JdI 124, 2009, 251–278.

Prolegomena zu einer temporalen Geschichte der römischen Expansion als Gewaltunternehmung

(Werner Riess, Universität Hamburg)


Im Teilprojekt 2 der von der Hamburger Landesforschungsförderung finanzierten Forschungsgruppe „Gewalt-Zeiten“ geht es um die Eroberung von Städten im antiken und spätmittelalterlichen Mediterraneum aus zeitlicher Perspektive (TP 2: Einnahme von Städten : Forschungsgruppe Gewalt-Zeiten : Universität Hamburg (uni-hamburg.de)). In einem Teil des Projekts soll der heuristische Wert eines zeithistorischen Interpretationsansatzes für eine Neuerklärung der Geschichte der römischen Expansion gezeigt werden. Die folgenden Ausführungen sind nicht als Präsentation von Ergebnissen zu verstehen, sondern skizzieren vielmehr Prolegomena in Form von Fragen, die andeuten, welche unterschiedlichen Richtungen derart ausgerichtete Forschungen nehmen können.

Die Expansion Roms vom Stadtstaat zu einem Weltreich wurde in der Forschung vielfach analysiert. Dabei wurde meist die räumliche Dimension dieser bis dahin ungekannten territorialen Erweiterung thematisiert. Doch es fehlen bislang Studien, die sich spezifisch mit Strukturen der Zeitlichkeit in diesem oftmals blutigen Prozess auseinandersetzten. Dies erstaunt umso mehr, als in engem Zusammenhang mit dem spatial turn mittlerweile der temporal turn steht, d.h. die Betrachtung historischer Phänomene sub specie temporis. Im Kontext des Rahmenthemas „Gewalt-Zeiten. Temporalitäten von Gewaltunternehmungen“ erscheint es daher als ein Forschungsdesiderat, die Geschichte der römischen Expansion unter diesem Blickwinkel neu zu erzählen, als ein Jahrhunderte währendes Gewaltunternehmen, das in ganz entscheidender Weise durch Zeitlichkeit geformt und immer wieder auch dynamisiert wurde. Vereinfacht gesprochen geht es darum, wie Gewalt im Hinblick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeitlich konzeptualisiert und ausgeübt wird. Wir gehen davon aus, dass Gewalterfahrungen, Gewaltkonzepte, konkrete Gewaltpraxen sowie auch Antizipationen von Gewalt im Wesentlichen auch temporal moduliert werden. Temporalität wird dabei zum einen begriffen als konstitutives Element in subjektiven Erinnerungsformen, in gegenwärtigen Gewalterfahrungen sowie in Gewalterwartungen durch die Akteurinnen und Akteure, womit Täter wie Opfer gemeint sind. Zum anderen baut auf diesen subjektiv geprägten Gewaltwahrnehmungen Temporalität auch als handlungsleitender Aspekt auf, als ein Gewalt in vielfältiger Weise strukturierendes Element, das unter Umständen auch als direktes Instrument des Gewalthandelns dienen kann. Anders formuliert, beeinflussen also jeweils kulturspezifische Zeitwahrnehmungen auch die konkrete Ausübung von Gewalt und damit auch ihre Erscheinungsformen.

Als Anwendungsbeispiel wollen wir einige zeitliche Strukturen des Krieges, den Caesar in Gallien führte, etwas genauer beleuchten. Caesars Bellum Gallicum, seit Jahrzehnten Schullektüre und v.a. in Blick auf die Selbstdarstellung Caesars hin befragt, harrt einer zeithistorischen Untersuchung. Drei Präliminarien seien vorausgeschickt: (1) Caesar war nicht nur Augenzeuge und Berichterstatter über die von seinen Legionen in Gallien ausgeübte Gewalt, sondern selbst Gewalt-Akteur und aufgrund der Dimensionen der Kämpfe auch Gewaltunternehmer im Sinne des Projektantrags. (2) Die jahrelangen Kämpfe bedingten auf keltischer wie römischer Seite umfangreiche zeit-räumliche Planungen, so dass Caesar als Feldherr auch als Zeit-Manager gelten kann. (3) Obgleich der Caesarische Bericht eine Selbstrechtfertigung vor dem Senat und somit eine Propagandaschrift darstellt, sind seine Ausführungen durchaus ernst zu nehmen, denn sie mussten für seine Leser plausibel sein. Die Kämpfe dauerten von 59 bis 52 v. Chr., am Ende war das bis dato freie Gallien (die sog. Gallia Comata) von den Römern erobert und wurde provinzialisiert.

Caesars Text ist von Zeitangaben durchtränkt. Strategische wie taktische Überlegungen und Aktivitäten unterliegen einer Vielzahl zeitlicher Parameter. Caesars Prokonsulat in Gallien selbst war zeitlich beschränkt, in der kalten Jahreszeit zogen sich die Truppen zumeist in Winterlager in Norditalien zurück, Nahrungsmittel- und Materialversorgung mussten über große Distanzen hinweg sichergestellt werden. Schon aus diesen Gründen war Caesar zeitlich „unter Druck“, während die Kelten in der Tiefe des Raums siedelten, über bessere Ortskenntnisse verfügten und den Römern auch durch Guerilla-Taktiken zusetzten, sie also für ihre Defensive mehr Zeit hatten als Caesar mit seinen Angriffen. Der Gallische Krieg kann also durchaus auch als ein Kampf um die „Ressource Zeit“ beschrieben werden. Durch die technische Überlegenheit der römischen Ingenieure und Pioniere setzte sich Caesar schließlich in den Besitz der Zeit und oktroyierte den Galliern sein Zeitregime auf. Durch unerwartete, rasche Vorstöße, Gewaltmärsche und Galliern wie Germanen neuartige Brückenbauten über den Rhein konnte Caesar Kampfhandlungen (unter günstigen Umständen) nach Belieben beschleunigen. Dabei war die ostentative Zurschaustellung römischer technischer Überlegenheit auch Teil der psychologischen Kriegsführung Caesars. Die Beschleunigung wurde in ihrer beinahe theatralisch in Szene gesetzten Performanz (z.B. bei der Rheinüberschreitung) also zu einer physischen wie psychischen Waffe des Zeit-Organisators Caesar.

Andererseits dürfen die spektakulären Einzelaktionen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie vielleicht gerade deswegen notwendig waren, weil Caesar permanent zeitlich überfordert war und sie dazu dienen sollten, den Mangel an Zeit auf Seiten der Römer zu kompensieren und auch zu verschleiern. Dem Text merkt man an, dass Caesar nur dort vor Ort war und sein konnte, wo sein Eingreifen aufgrund von Notlagen unbedingt nötig war. Parallelaktionen, die schwierig zu synchronisieren waren und die offenbar weniger die Aufmerksamkeit des Feldherrn beanspruchten, wurden an untergeordnete Kommandeure delegiert. Caesar priorisierte also zeitlich seine Präsenz an bestimmten Schauplätzen, entweder um Notfälle zu verhindern, zu beheben oder, um in Schlüsselmomenten (und an Schlüsselorten) die Weichen für nachfolgende militärische Erfolge zu stellen.

Betrachtet man die Sequenz der Ereignisse, die Caesar sich bemüht auf narrativer Ebene logisch und organisch auseinander hervorgehen zu lassen, so drängt sich oftmals der Eindruck auf, dass er mehr reagierte als agierte, jedoch nicht immer, um Römer oder keltische Verbündete zu verteidigen, wie er dem Leser glauben machen will, sondern weil er von den Feinden von einer ad hoc-Maßnahme zur nächsten getrieben wird. Die Frage stellt sich, ob sich aus den vielen Einzelaktionen überhaupt ein „Krieg“ erschließen lässt oder ob am Ende eine lange Aneinanderreihung von Aktionen und Reaktionen, von Märschen, Überfällen, Schlachten und Scharmützeln den gallischen Widerstand schließlich versiegen ließ. Ist der „Gallische Krieg“ letztlich ein narratives Konstrukt Caesars, das ex post jahrelangen römischen Offensivhandlungen „Sinn“ verleiht? Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage nach den Kriegszielen Caesars neu: Ab wann hatte Caesar die Eroberung „ganz Galliens“ wirklich vor Augen? In seinem Bericht erfahren wir davon nichts. Caesar eilt siegreich von Schauplatz zu Schauplatz und verbirgt hinter der Schilderung einer raschen Ereignisabfolge all die Unwägbarkeiten und das Nicht-Planbare seiner Militäroperationen.

Ein weiteres Indiz für die (zeitliche) Überforderung der Römer ist die oftmals exzessive Gewalt, die sie gegenüber der Zivilbevölkerung ausüben. Immer wieder ist davon die Rede, wie Dörfer geplündert und niedergebrannt, die Einwohner massakriert bzw. versklavt werden. Die Opferzahl am Ende des Gallischen Krieges wird auf ca. eine Million Menschenleben geschätzt. Jüngere Forschungen, insbesondere von Gabriel Baker (2021), zeigen, dass Greueltaten von römischer Seite keineswegs immer nur spontane und willkürliche Aktionen waren, in denen Soldaten ihre Affektkontrolle verloren, sondern auf Befehl, d.h. bewusst und kalkuliert eingesetzt wurden, um die Moral der Gegner zu brechen. Zahlreiche Beispiele aus den Expansionskriegen zeigen, dass Römer immer dann zu extremer Gewalt griffen, wenn sie mit der spezifischen Kampfweise und Taktik der Feinde nicht zurechtkamen (z.B. Samniten, Numider, Lusitaner in Hinterhalten, Nachtangriffen, Guerilla-Taktiken), sie also erhebliche Frustrationserfahrungen machen mussten. Gewaltexzesse, die im Grunde nicht der virtus militaris der Römer entsprachen, spiegeln also hoffnungslose Situationen der römischen Heere wider, Bedrohungslagen, welche gerade den jeweiligen Feldherren unter Druck setzten; die lange Dauer von Konflikten gefährdete seine Sieghaftigkeit und damit seinen innenpolitischen Ruf. Vor diesem Hintergrund sind die Caesarischen Schilderungen der oftmals entgrenzten Gewaltausübung seiner Soldaten das beste Zeugnis für seine Überforderung wie auch die seiner Truppen, gerade auch in zeitlicher Hinsicht.

Als bei Alesia am Ende alles auf dem Spiel stand und die Römer einen Zweifrontenkampf bestehen mussten (gegen die Belagerten im oppidum sowie das anrückende gallische Entsatzheer), sehen wir das Einbrechen von Kontingenz: Plötzlich verhielt sich das Entsatzheer inaktiv! Die Gründe hierfür sind bis heute umstritten. Deyber – Romeuf (2019) postulieren für die Nacht vom 25. auf den 26.9.52 v. Chr. eine Mondfinsternis, deretwegen ca. zwei Drittel des gallischen Entsatzheeres aus religiösen Gründen die Kampfhandlungen einstellten. Caesar erwähnt (wohlweislich?) diesen extremen Zufall nicht. Träfe er zu, würde er den „Erfolg“ Caesars und seiner Truppen in nicht unerheblichem Maße relativieren.

Hatte sich Caesar entgegen seines sonstigen militärischen Instinkts bei Alesia in eine hoffnungslose Lage hineinmanövriert? War man am Ende nur noch dankbar, dass man äußerst knapp der Katastrophe entronnen war? Eine Anomalie könnte darauf hindeuten: Anders als bei den meisten Belagerungen der Antike hören wir nach der Kapitulation des Vercingetorix nicht von der Plünderung und Zerstörung Alesias. Der römische Triumph wird in diesem Fall anders und nachhaltiger ausgedrückt: Aus Alesia wird eine Stadt römischen Zuschnitts, die in den folgenden Jahrhunderten nur noch von regionaler, sekundärer Bedeutung ist.

Lektüre:
Deyber, A. – Romeuf, D., Les derniers jours du siège d’Alésia: 22-27 septembre 52 av. J.-C., Paris 2019.
Baker, G., Spare No One. Mass Violence in Roman Warfare, New York – London 2021.

Im Hippokratischen Eid heißt es, dass ein Arzt diejenigen nicht schneiden solle, die an Steinen leiden (λιθιῶντας, Hippokr. Iusiur. 5). Seit jeher wird in der Forschung kontrovers diskutiert, ob hippokratische Ärzte gar nicht operiert und sich nur für die verborgenen, inneren Krankheiten zuständig gefühlt haben. Außer Frage steht indessen, dass es sich bei dem Steinleiden um Blasensteine gehandelt hat. Für Plinius (23/24–79 n.Chr.) war es die schlimmste aller Krankheiten (Plin. Nat. Hist. XXV 23), weil sie unerträgliche Schmerzen mit sich brachte. Aulus Cornelius Celsus (um 25 v.Chr.–50 n.Chr.) beschreibt ausführlich das Procedere des sogenannten Steinschnittes (Cels. VII 26,2).

Dass jeder einen eigenen Blick auf die Quellen hat, wurde mir wieder bewusst, als ich den Eid mit meinem Vater diskutierte. Als Chirurg dachte er bei den λιθιῶντες an Patienten, die nicht an Blasen-, sondern an Gallensteinen litten. Es stand die Frage im Raum, wie die antike Medizin vor Bildgebung, Antisepsis und Narkose diagnostisch und therapeutisch mit Gallensteinleiden umgegangen war. Nach Konsultation der einschlägigen medizinhistorischen Forschung stellte sich jedoch schnell heraus, dass schon allein die Kenntnis von Gallensteinen an sich nicht verbreitet war, geschweige denn eine chirurgische Therapie.

Für die gesamte griechisch-römischen Antike gibt es keinen literarischen Beleg für die Kenntnis von Gallensteinen beim Menschen (Ursin et al. 2018). Zwar kannte Aristoteles (384–322 v.Chr.) in Analogie zu Nierensteinen in geschlachteten Opfertieren auch Steine in Galle oder Magen (Arist. PA IV,2 667a35-667b7 p. 71-72 Kullmann), es dauerte aber bis zu Alexander von Tralleis (um 525–605), dass der Satz geschrieben wurde: „Wenn die Säfte zu sehr eingetrocknet und übermäßig ausgedörrt sind, so liegen sie in der Geschwulst wie Steine […].“ (Alex. Trall. 384 Puschmann). Zwischen Aristoteles und Alexander gab es zahlreiche Andeutungen und Vermutungen innerhalb der medizinischen Fachliteratur, die im galenischen Krankheitsbild der Leberverstopfung mündeten (Galen De locis affectis II 9,16 Gärtner).

Die Verstopfung der Leber durch Koagulation von Gallensaft wird von Galen (129–um 216) in Analogie zu seiner Theorie über die Entstehung von Nierensteinen erörtert, die er sich als über längere Zeit verdickte Säfte vorstellt (Galen De locis affectis I 1,28 Gärtner). Die Leberverstopfung beschreibt er genauer (Galen De sanitate tuenda 1,13 = 4,1,70-71 Kühn):

„[…D]ie Schwäche der ganzen an der Leber liegenden Blase oder der von ihr in die Eingeweide führenden Mündungen und der in die Därme führenden Wege kann plötzliches Übelsein hervorrufen […]. Die Verengung ist Folge von Entzündung oder Verhärtung, Verstopfung oder Druck von der Umgebung oder Verschluss der Öffnung. Der Druck von der Umgebung her kann durch die übermäßige Menge des Inhalts oder durch Entzündung oder Verhärtung entstehen, wie auch der Verschluss eben dadurch und durch Trockenheit.“ (Übers. v. Beintker 1939, S. 51-52)

Diese ätiologischen Überlegungen müssen vor dem Hintergrund humoralpathologischer Vorstellungen verstanden werden. Tatsächlich sind sie nah an der modernen Erklärung, dass sich Gallensteine durch übersättigte Gallensäfte an Kristallisationskeimen in Gallenblase oder -gängen bilden. Übrigens ist die Welt der Gallensteine nicht nur schmerzhaft, sondern auch überraschend bunt: Cholesterolsteine (90% aller Steine) sind mit ihrem großen Anteil an Calciumcarbonat zwar eher hell, die Pigmentsteine aus Bilirubin changieren aber zwischen schwarz, grün, gelb und braun.

Machen wir es kurz: Griechen und Römer kannten zwar die Symptome von Gallensteinleiden, die sie ätiologisch auf eine mechanische Obstruktion der Gallengänge zurückführten und schließlich Leberverstopfung nannten, aber Gallensteine kannten sie nicht. Litten Griechen und Römer etwa nicht wie wir heute an Gallensteinen? Erst in der Renaissance tritt Johannes Kentmann (1518–1574) als Erster mit einem eigenen Steinbuch hervor, in welchem er auch Gallensteine beschreibt und abbildet (Abbildung 1 und 2).

                        

Abbildung 1 und 2: Johannes Kentmann: Calculorum, qui in corpore ac membris hominum innascuntur, genera XII. Tiguri 1565, fol. 5v und 6v. URL: https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=ucm.5326978548&view=1up&seq=20

 

Der Medizinhistoriker Rudolph Siegel hatte vermutet, dass Gallensteine in der Antike schlicht seltener waren als heute (Siegel 1968, S. 252f.). Er begründet dies damit, dass Gallensteine typischerweise bei älteren Menschen auftreten und in der Antike den Meisten ein früher Tod beschieden war. Außerdem gebe es genetische Faktoren, und die Diät ärmerer Griechen und Römer sei schlicht gesünder als die der heutigen Zeitgenossen gewesen. Galen hätte außerdem – wenn überhaupt – für post mortem sectiones nur Zugang zu Leichnamen ärmerer Menschen gehabt.

Wir wissen, dass menschliche Leichname in der Antike höchst selten obduziert wurden und wenn, dann hatten die Berichte darüber (und über Vivisektionen) die Funktion abschreckender Schauergeschichten (Cels. prooem. 23-25). Die Kenntnis der menschlichen Anatomie wurde stattdessen überwiegend per Analogie zur Anatomie von Affen und Schweinen erschlossen. Die Zurückhaltung gegenüber post mortem sectiones erklärt sich auch durch das religiöse Tabu, die Integrität des menschlichen Leichnams nach dem Tod nicht zu beeinträchtigen. Wir haben es also mit einem epistemologischen Problem zu tun: Weil niemand nachgeschaut hat, hat auch niemand etwas gefunden.

Die diskutierten Quellen und Spekulationen bringen uns vorerst nicht weiter, doch glücklicherweise ist die antike Medizingeschichte mehr als die Literaturgeschichte medizinischer Fachtexte. Haben Archäologinnen und Archäologen vielleicht in Gräberfeldern Gallensteine gefunden? Der Blick in die paläopathologische Fachliteratur ließ mich enttäuscht zurück: Lediglich fünf Individuen im Mittelmeerraum werden beschrieben, bei denen etwa durch röntgenologische Untersuchungen Gallensteine festgestellt wurden, darunter übrigens auch die älteste bekannte Feuchtmumie: Ötzi war Träger von Gallensteinen. Die anderen Funde wurden in einem mykenischen Grab und in drei ägyptischen Mumien gemacht. Was diese Funde verbindet ist, dass sie entweder in situ gefunden wurden oder Körperbestattungen darstellten.

Als ich die Ergebnisse meiner Forschungen 2017 auf einer Tagung des internationalen Arbeitskreises Alte Medizin in Mainz vorstellte, meldete sich nach meinem Vortrag ein ausgewiesener Archäologe. Er berichtete von umfangreichen Funden von Gallensteinen bei seinen letzten Grabungen auf Kreta. Aber wie habt ihr sie gefunden, fragte ich. Seine Antwort verwies auf das eben erwähnte epistemologische Problem: Man habe auch nach Gallensteinen gesucht. Den Arbeiterinnen und Arbeitern wurde ein klimperndes Gläschen voll mit den entsprechenden Steinen als Muster präsentiert und anschließend wurden sie auch gefunden. Tatsächlich ist es nicht leicht, nach den in der griechisch-römischen Antike weitaus häufigeren Feuerbestattungen unter den Überresten auch Gallensteine zu finden. Frei nach Matthäus (7,8): Wer Gallensteine sucht, der findet sie.

 

Zitierte Literatur und Quellen

Beintker, Erich: Die Werke des Galenos. Bd. 1. Galenos Gesundheitslehre Buch 1-3. Stuttgart 1939.

Galenus; Gärtner, Florian (Hg.). Galeni De locis affectis I–II: Edidit, in linguam Germanicam vertit, commentatus est. Berlin, Boston 2015.

Puschmann, Theodor: Alexander von Tralles. Original-Text und Übersetzung nebst einer einleitenden Abhandlung. Ein Beitrag zur Geschichte der Medicin. 2 Bde. Amsterdam 1878–1879.

Siegel, Rudolph E.: Galen’s system of physiology and medicine. Basel 1968.

Ursin, Frank; Steger, Florian: Gallensteine und “Leberverstopfung“ in den medizinischen Fachschriften der Antike. In: Zeitschrift für Gastroenterologie 56(3), S. 249–254. https://doi.org/10.1055/s-0043-120349

 

Dr. Frank Ursin
Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Wissenschaftliches Profil (Link)

Die Folgen der Corona-Pandemie beraubten unseren diesjährigen Bruno-Snell-Preisträger der Möglichkeit, seine prämierte Arbeit auf der Großen Mommsen-Tagung vorzustellen. Dies wird er im Juni 2022 in Köln nachholen. Hier schon einmal ein erster Einblick.


Im klassischen Athen kursierten vergleichsweise konkrete Vorstellungen zur eigenen Frühzeit: Der athenische König Theseus hätte ganz Attika in einem ›Synoikismos‹ vereint (Thuk. 2, 15, 1 f.). Im mittleren 11. Jh. v. Chr. sei das Königtum zugunsten eines ›Archontats auf Lebenszeit‹ abgeschafft worden, dieses dann 753 v. Chr. auf zehn Jahre verkürzt sowie schließlich 683/682 v. Chr. in ein jährlich neu besetztes Amt umgewandelt worden. Diese Entwicklung ist bereits lange als ein Konstrukt klassischer Zeit erkannt, das wenig über die tatsächlichen Verhältnisse aussagt. Generell lässt sich anhand der schriftlichen Quellen für den Zeitraum vor dem 6. Jh. v. Chr. kein sonderlich komplexes Bild der Geschichte Athens und Attikas zeichnen: Die Überlieferung vom Putschversuch des Kylon hat zwar sicherlich einen wahren Kern, doch ist ihre bei Herodot und Thukydides überlieferte Form (Hdt. 5, 71; Thuk. 1, 126, 3–11) Verhältnissen und Erwartungen der klassischen Zeit verpflichtet; auch das traditionelle Datum um 630 v. Chr. ist aufgrund seiner Abhängigkeit von späteren chronologischen Konstruktionen wenig verlässlich. Ähnliches gilt für das Gesetz des Drakon, das zwar als frühester erhaltener Ausschnitt der athenischen Rechtsprechung von großem Wert ist, je nach Lesweise jedoch ganz unterschiedliche Rückschlüsse auf den Institutionalisierungsgrad in früharchaischer Zeit zulassen kann. Selbst die auf den ersten Blick verlässlich anmutenden Narrative im Zusammenhang mit Solon erscheinen seit Zweifeln an der solonischen Urheberschaft der ›solonischen‹ Gedichte und Gesetze problematisch. Wer sich an einer Rekonstruktion jener längerfristigen gesellschaftlichen Formierungsprozesse versuchen möchte, die in Athen und Attika in der frühen Eisenzeit und der früharchaischen Zeit, also im 11. bis frühen 6. Jh. v. Chr. anzunehmen sind, muss sich demnach den archäologischen Quellen zuwenden. Eben diese stehen im Zentrum der hier vorgestellten Arbeit, die 2019 als Dissertation im Fach Klassische Archäologie an der Universität Tübingen abgeschlossen wurde und Ende September 2021 erscheinen wird.

Einen ersten Schwerpunkt des Buchs stellt die Siedlungsgeschichte dar; dafür wird ein geographisch gegliederter Überblick über die publizierten Befunde gegeben. Auf dieser Grundlage wird die Siedlungsstruktur kleinräumig analysiert und die Besiedlungsgeschichte diachron ausgewertet. Dabei zeichnet sich ab, dass der erste Teil der frühen Eisenzeit auch aufgrund von Problemen der archäologischen Sichtbarkeit schwer zu fassen ist, doch bereits im späten 10. Jh. v. Chr. ganz Attika besiedelt ist und die folgenden Jahrhunderte eine sukzessive Verdichtung erkennen lassen. Dem Konzept einer von ihrem vermeintlichen Zentrum ausgehenden ›Binnenkolonisation‹ Attikas kann dabei die These kleinteiliger dezentraler Verdichtungsvorgänge entgegengesetzt werden.

Im Anschluss werden die Nekropolen und die Heiligtümer diachron auf Indizien gesellschaftlicher Transformationsprozesse befragt. Die kontinuierlich hohe Variabilität in den Gräbern spricht für eine fortgesetzte Konkurrenz von Bestattungsgruppen mit variierenden repräsentativen Strategien sowie eine große Instabilität der beständig neu ausgehandelten gesellschaftlichen Vorrangstellungen. Schwankungen in der Zahl der überlieferten Gräber erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die ›Entstehung der Polis‹, sondern sind ein Resultat der wechselnden Popularität größerer Friedhöfe in Athen. Die wachsende Bevorzugung gemeinschaftlich genutzter Nekropolen spätestens ab dem frühen 8. Jh. v. Chr. und die damit einhergehende Veränderung der repräsentativen Strategien lassen dennoch Rückschlüsse auf ein zunehmendes Gemeinschaftsbewusstsein sowie eine beginnende Festigung sozialer Prominenzrollen zu. Die Analyse der Gräber trennt den Untersuchungszeitraum somit grob in eine Phase der stärkeren gesellschaftlichen Fragmentierung im 11.–9. Jh. v. Chr. und eine Periode der wachsenden soziokulturellen Verbindungen ab dem 8. Jh. v. Chr. Ganz ähnliche Entwicklungen lassen die Heiligtümer erkennen: Die früheren Kultstätten fungierten wohl als neutrale Versammlungsplätze in der weiteren Umgebung siedelnder Gruppen. Im 8. und 7. Jh. v. Chr. entstanden dagegen vielerorts Heiligtümer, die klarere und kleinere ›Einzugsbereiche‹ besaßen und damit einerseits der Ausbildung territorial definierter Gemeinschaften und andererseits der sozialen Differenzierung innerhalb dieser dienten. Dies bezeugen aufwändige Votive und Reste gemeinschaftlicher Feste, während u. a. das Aufkommen vieler simpler Votive in der 2. Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. die aktive Partizipation größerer Personengruppen wahrscheinlich macht.

Zuletzt werden die Einzelergebnisse der Arbeit miteinander in Beziehung gesetzt. Es entsteht das Bild einer zwar ab dem 8. Jh. v. Chr. beschleunigten, doch letztlich kontinuierlichen Entwicklung, innerhalb derer die früharchaische Zeit eine entscheidende Formationsphase darstellt. Die Vorstellung einer ›Entstehung‹ der athenischen Polis im 8. Jh. v. Chr. dagegen ist irreführend.

Maximilian Rönnberg

 
M. F. Rönnberg, Athen und Attika vom 11. bis zum frühen 6. Jh. v. Chr. Siedlungsgeschichte, politische Institutionalisierungs- und gesellschaftliche Formierungsprozesse, Tübinger Archäologische Forschungen 33 (Rahden 2021).

 
 
Spätgeometrischer Grabkrater der Trachones-Werkstatt, Metropolitan Museum of Art 14.130.15.