Prolegomena zu einer temporalen Geschichte der römischen Expansion als Gewaltunternehmung

(Werner Riess, Universität Hamburg)


Im Teilprojekt 2 der von der Hamburger Landesforschungsförderung finanzierten Forschungsgruppe „Gewalt-Zeiten“ geht es um die Eroberung von Städten im antiken und spätmittelalterlichen Mediterraneum aus zeitlicher Perspektive (TP 2: Einnahme von Städten : Forschungsgruppe Gewalt-Zeiten : Universität Hamburg (uni-hamburg.de)). In einem Teil des Projekts soll der heuristische Wert eines zeithistorischen Interpretationsansatzes für eine Neuerklärung der Geschichte der römischen Expansion gezeigt werden. Die folgenden Ausführungen sind nicht als Präsentation von Ergebnissen zu verstehen, sondern skizzieren vielmehr Prolegomena in Form von Fragen, die andeuten, welche unterschiedlichen Richtungen derart ausgerichtete Forschungen nehmen können.

Die Expansion Roms vom Stadtstaat zu einem Weltreich wurde in der Forschung vielfach analysiert. Dabei wurde meist die räumliche Dimension dieser bis dahin ungekannten territorialen Erweiterung thematisiert. Doch es fehlen bislang Studien, die sich spezifisch mit Strukturen der Zeitlichkeit in diesem oftmals blutigen Prozess auseinandersetzten. Dies erstaunt umso mehr, als in engem Zusammenhang mit dem spatial turn mittlerweile der temporal turn steht, d.h. die Betrachtung historischer Phänomene sub specie temporis. Im Kontext des Rahmenthemas „Gewalt-Zeiten. Temporalitäten von Gewaltunternehmungen“ erscheint es daher als ein Forschungsdesiderat, die Geschichte der römischen Expansion unter diesem Blickwinkel neu zu erzählen, als ein Jahrhunderte währendes Gewaltunternehmen, das in ganz entscheidender Weise durch Zeitlichkeit geformt und immer wieder auch dynamisiert wurde. Vereinfacht gesprochen geht es darum, wie Gewalt im Hinblick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeitlich konzeptualisiert und ausgeübt wird. Wir gehen davon aus, dass Gewalterfahrungen, Gewaltkonzepte, konkrete Gewaltpraxen sowie auch Antizipationen von Gewalt im Wesentlichen auch temporal moduliert werden. Temporalität wird dabei zum einen begriffen als konstitutives Element in subjektiven Erinnerungsformen, in gegenwärtigen Gewalterfahrungen sowie in Gewalterwartungen durch die Akteurinnen und Akteure, womit Täter wie Opfer gemeint sind. Zum anderen baut auf diesen subjektiv geprägten Gewaltwahrnehmungen Temporalität auch als handlungsleitender Aspekt auf, als ein Gewalt in vielfältiger Weise strukturierendes Element, das unter Umständen auch als direktes Instrument des Gewalthandelns dienen kann. Anders formuliert, beeinflussen also jeweils kulturspezifische Zeitwahrnehmungen auch die konkrete Ausübung von Gewalt und damit auch ihre Erscheinungsformen.

Als Anwendungsbeispiel wollen wir einige zeitliche Strukturen des Krieges, den Caesar in Gallien führte, etwas genauer beleuchten. Caesars Bellum Gallicum, seit Jahrzehnten Schullektüre und v.a. in Blick auf die Selbstdarstellung Caesars hin befragt, harrt einer zeithistorischen Untersuchung. Drei Präliminarien seien vorausgeschickt: (1) Caesar war nicht nur Augenzeuge und Berichterstatter über die von seinen Legionen in Gallien ausgeübte Gewalt, sondern selbst Gewalt-Akteur und aufgrund der Dimensionen der Kämpfe auch Gewaltunternehmer im Sinne des Projektantrags. (2) Die jahrelangen Kämpfe bedingten auf keltischer wie römischer Seite umfangreiche zeit-räumliche Planungen, so dass Caesar als Feldherr auch als Zeit-Manager gelten kann. (3) Obgleich der Caesarische Bericht eine Selbstrechtfertigung vor dem Senat und somit eine Propagandaschrift darstellt, sind seine Ausführungen durchaus ernst zu nehmen, denn sie mussten für seine Leser plausibel sein. Die Kämpfe dauerten von 59 bis 52 v. Chr., am Ende war das bis dato freie Gallien (die sog. Gallia Comata) von den Römern erobert und wurde provinzialisiert.

Caesars Text ist von Zeitangaben durchtränkt. Strategische wie taktische Überlegungen und Aktivitäten unterliegen einer Vielzahl zeitlicher Parameter. Caesars Prokonsulat in Gallien selbst war zeitlich beschränkt, in der kalten Jahreszeit zogen sich die Truppen zumeist in Winterlager in Norditalien zurück, Nahrungsmittel- und Materialversorgung mussten über große Distanzen hinweg sichergestellt werden. Schon aus diesen Gründen war Caesar zeitlich „unter Druck“, während die Kelten in der Tiefe des Raums siedelten, über bessere Ortskenntnisse verfügten und den Römern auch durch Guerilla-Taktiken zusetzten, sie also für ihre Defensive mehr Zeit hatten als Caesar mit seinen Angriffen. Der Gallische Krieg kann also durchaus auch als ein Kampf um die „Ressource Zeit“ beschrieben werden. Durch die technische Überlegenheit der römischen Ingenieure und Pioniere setzte sich Caesar schließlich in den Besitz der Zeit und oktroyierte den Galliern sein Zeitregime auf. Durch unerwartete, rasche Vorstöße, Gewaltmärsche und Galliern wie Germanen neuartige Brückenbauten über den Rhein konnte Caesar Kampfhandlungen (unter günstigen Umständen) nach Belieben beschleunigen. Dabei war die ostentative Zurschaustellung römischer technischer Überlegenheit auch Teil der psychologischen Kriegsführung Caesars. Die Beschleunigung wurde in ihrer beinahe theatralisch in Szene gesetzten Performanz (z.B. bei der Rheinüberschreitung) also zu einer physischen wie psychischen Waffe des Zeit-Organisators Caesar.

Andererseits dürfen die spektakulären Einzelaktionen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie vielleicht gerade deswegen notwendig waren, weil Caesar permanent zeitlich überfordert war und sie dazu dienen sollten, den Mangel an Zeit auf Seiten der Römer zu kompensieren und auch zu verschleiern. Dem Text merkt man an, dass Caesar nur dort vor Ort war und sein konnte, wo sein Eingreifen aufgrund von Notlagen unbedingt nötig war. Parallelaktionen, die schwierig zu synchronisieren waren und die offenbar weniger die Aufmerksamkeit des Feldherrn beanspruchten, wurden an untergeordnete Kommandeure delegiert. Caesar priorisierte also zeitlich seine Präsenz an bestimmten Schauplätzen, entweder um Notfälle zu verhindern, zu beheben oder, um in Schlüsselmomenten (und an Schlüsselorten) die Weichen für nachfolgende militärische Erfolge zu stellen.

Betrachtet man die Sequenz der Ereignisse, die Caesar sich bemüht auf narrativer Ebene logisch und organisch auseinander hervorgehen zu lassen, so drängt sich oftmals der Eindruck auf, dass er mehr reagierte als agierte, jedoch nicht immer, um Römer oder keltische Verbündete zu verteidigen, wie er dem Leser glauben machen will, sondern weil er von den Feinden von einer ad hoc-Maßnahme zur nächsten getrieben wird. Die Frage stellt sich, ob sich aus den vielen Einzelaktionen überhaupt ein „Krieg“ erschließen lässt oder ob am Ende eine lange Aneinanderreihung von Aktionen und Reaktionen, von Märschen, Überfällen, Schlachten und Scharmützeln den gallischen Widerstand schließlich versiegen ließ. Ist der „Gallische Krieg“ letztlich ein narratives Konstrukt Caesars, das ex post jahrelangen römischen Offensivhandlungen „Sinn“ verleiht? Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage nach den Kriegszielen Caesars neu: Ab wann hatte Caesar die Eroberung „ganz Galliens“ wirklich vor Augen? In seinem Bericht erfahren wir davon nichts. Caesar eilt siegreich von Schauplatz zu Schauplatz und verbirgt hinter der Schilderung einer raschen Ereignisabfolge all die Unwägbarkeiten und das Nicht-Planbare seiner Militäroperationen.

Ein weiteres Indiz für die (zeitliche) Überforderung der Römer ist die oftmals exzessive Gewalt, die sie gegenüber der Zivilbevölkerung ausüben. Immer wieder ist davon die Rede, wie Dörfer geplündert und niedergebrannt, die Einwohner massakriert bzw. versklavt werden. Die Opferzahl am Ende des Gallischen Krieges wird auf ca. eine Million Menschenleben geschätzt. Jüngere Forschungen, insbesondere von Gabriel Baker (2021), zeigen, dass Greueltaten von römischer Seite keineswegs immer nur spontane und willkürliche Aktionen waren, in denen Soldaten ihre Affektkontrolle verloren, sondern auf Befehl, d.h. bewusst und kalkuliert eingesetzt wurden, um die Moral der Gegner zu brechen. Zahlreiche Beispiele aus den Expansionskriegen zeigen, dass Römer immer dann zu extremer Gewalt griffen, wenn sie mit der spezifischen Kampfweise und Taktik der Feinde nicht zurechtkamen (z.B. Samniten, Numider, Lusitaner in Hinterhalten, Nachtangriffen, Guerilla-Taktiken), sie also erhebliche Frustrationserfahrungen machen mussten. Gewaltexzesse, die im Grunde nicht der virtus militaris der Römer entsprachen, spiegeln also hoffnungslose Situationen der römischen Heere wider, Bedrohungslagen, welche gerade den jeweiligen Feldherren unter Druck setzten; die lange Dauer von Konflikten gefährdete seine Sieghaftigkeit und damit seinen innenpolitischen Ruf. Vor diesem Hintergrund sind die Caesarischen Schilderungen der oftmals entgrenzten Gewaltausübung seiner Soldaten das beste Zeugnis für seine Überforderung wie auch die seiner Truppen, gerade auch in zeitlicher Hinsicht.

Als bei Alesia am Ende alles auf dem Spiel stand und die Römer einen Zweifrontenkampf bestehen mussten (gegen die Belagerten im oppidum sowie das anrückende gallische Entsatzheer), sehen wir das Einbrechen von Kontingenz: Plötzlich verhielt sich das Entsatzheer inaktiv! Die Gründe hierfür sind bis heute umstritten. Deyber – Romeuf (2019) postulieren für die Nacht vom 25. auf den 26.9.52 v. Chr. eine Mondfinsternis, deretwegen ca. zwei Drittel des gallischen Entsatzheeres aus religiösen Gründen die Kampfhandlungen einstellten. Caesar erwähnt (wohlweislich?) diesen extremen Zufall nicht. Träfe er zu, würde er den „Erfolg“ Caesars und seiner Truppen in nicht unerheblichem Maße relativieren.

Hatte sich Caesar entgegen seines sonstigen militärischen Instinkts bei Alesia in eine hoffnungslose Lage hineinmanövriert? War man am Ende nur noch dankbar, dass man äußerst knapp der Katastrophe entronnen war? Eine Anomalie könnte darauf hindeuten: Anders als bei den meisten Belagerungen der Antike hören wir nach der Kapitulation des Vercingetorix nicht von der Plünderung und Zerstörung Alesias. Der römische Triumph wird in diesem Fall anders und nachhaltiger ausgedrückt: Aus Alesia wird eine Stadt römischen Zuschnitts, die in den folgenden Jahrhunderten nur noch von regionaler, sekundärer Bedeutung ist.

Lektüre:
Deyber, A. – Romeuf, D., Les derniers jours du siège d’Alésia: 22-27 septembre 52 av. J.-C., Paris 2019.
Baker, G., Spare No One. Mass Violence in Roman Warfare, New York – London 2021.

Im Hippokratischen Eid heißt es, dass ein Arzt diejenigen nicht schneiden solle, die an Steinen leiden (λιθιῶντας, Hippokr. Iusiur. 5). Seit jeher wird in der Forschung kontrovers diskutiert, ob hippokratische Ärzte gar nicht operiert und sich nur für die verborgenen, inneren Krankheiten zuständig gefühlt haben. Außer Frage steht indessen, dass es sich bei dem Steinleiden um Blasensteine gehandelt hat. Für Plinius (23/24–79 n.Chr.) war es die schlimmste aller Krankheiten (Plin. Nat. Hist. XXV 23), weil sie unerträgliche Schmerzen mit sich brachte. Aulus Cornelius Celsus (um 25 v.Chr.–50 n.Chr.) beschreibt ausführlich das Procedere des sogenannten Steinschnittes (Cels. VII 26,2).

Dass jeder einen eigenen Blick auf die Quellen hat, wurde mir wieder bewusst, als ich den Eid mit meinem Vater diskutierte. Als Chirurg dachte er bei den λιθιῶντες an Patienten, die nicht an Blasen-, sondern an Gallensteinen litten. Es stand die Frage im Raum, wie die antike Medizin vor Bildgebung, Antisepsis und Narkose diagnostisch und therapeutisch mit Gallensteinleiden umgegangen war. Nach Konsultation der einschlägigen medizinhistorischen Forschung stellte sich jedoch schnell heraus, dass schon allein die Kenntnis von Gallensteinen an sich nicht verbreitet war, geschweige denn eine chirurgische Therapie.

Für die gesamte griechisch-römischen Antike gibt es keinen literarischen Beleg für die Kenntnis von Gallensteinen beim Menschen (Ursin et al. 2018). Zwar kannte Aristoteles (384–322 v.Chr.) in Analogie zu Nierensteinen in geschlachteten Opfertieren auch Steine in Galle oder Magen (Arist. PA IV,2 667a35-667b7 p. 71-72 Kullmann), es dauerte aber bis zu Alexander von Tralleis (um 525–605), dass der Satz geschrieben wurde: „Wenn die Säfte zu sehr eingetrocknet und übermäßig ausgedörrt sind, so liegen sie in der Geschwulst wie Steine […].“ (Alex. Trall. 384 Puschmann). Zwischen Aristoteles und Alexander gab es zahlreiche Andeutungen und Vermutungen innerhalb der medizinischen Fachliteratur, die im galenischen Krankheitsbild der Leberverstopfung mündeten (Galen De locis affectis II 9,16 Gärtner).

Die Verstopfung der Leber durch Koagulation von Gallensaft wird von Galen (129–um 216) in Analogie zu seiner Theorie über die Entstehung von Nierensteinen erörtert, die er sich als über längere Zeit verdickte Säfte vorstellt (Galen De locis affectis I 1,28 Gärtner). Die Leberverstopfung beschreibt er genauer (Galen De sanitate tuenda 1,13 = 4,1,70-71 Kühn):

„[…D]ie Schwäche der ganzen an der Leber liegenden Blase oder der von ihr in die Eingeweide führenden Mündungen und der in die Därme führenden Wege kann plötzliches Übelsein hervorrufen […]. Die Verengung ist Folge von Entzündung oder Verhärtung, Verstopfung oder Druck von der Umgebung oder Verschluss der Öffnung. Der Druck von der Umgebung her kann durch die übermäßige Menge des Inhalts oder durch Entzündung oder Verhärtung entstehen, wie auch der Verschluss eben dadurch und durch Trockenheit.“ (Übers. v. Beintker 1939, S. 51-52)

Diese ätiologischen Überlegungen müssen vor dem Hintergrund humoralpathologischer Vorstellungen verstanden werden. Tatsächlich sind sie nah an der modernen Erklärung, dass sich Gallensteine durch übersättigte Gallensäfte an Kristallisationskeimen in Gallenblase oder -gängen bilden. Übrigens ist die Welt der Gallensteine nicht nur schmerzhaft, sondern auch überraschend bunt: Cholesterolsteine (90% aller Steine) sind mit ihrem großen Anteil an Calciumcarbonat zwar eher hell, die Pigmentsteine aus Bilirubin changieren aber zwischen schwarz, grün, gelb und braun.

Machen wir es kurz: Griechen und Römer kannten zwar die Symptome von Gallensteinleiden, die sie ätiologisch auf eine mechanische Obstruktion der Gallengänge zurückführten und schließlich Leberverstopfung nannten, aber Gallensteine kannten sie nicht. Litten Griechen und Römer etwa nicht wie wir heute an Gallensteinen? Erst in der Renaissance tritt Johannes Kentmann (1518–1574) als Erster mit einem eigenen Steinbuch hervor, in welchem er auch Gallensteine beschreibt und abbildet (Abbildung 1 und 2).

                        

Abbildung 1 und 2: Johannes Kentmann: Calculorum, qui in corpore ac membris hominum innascuntur, genera XII. Tiguri 1565, fol. 5v und 6v. URL: https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=ucm.5326978548&view=1up&seq=20

 

Der Medizinhistoriker Rudolph Siegel hatte vermutet, dass Gallensteine in der Antike schlicht seltener waren als heute (Siegel 1968, S. 252f.). Er begründet dies damit, dass Gallensteine typischerweise bei älteren Menschen auftreten und in der Antike den Meisten ein früher Tod beschieden war. Außerdem gebe es genetische Faktoren, und die Diät ärmerer Griechen und Römer sei schlicht gesünder als die der heutigen Zeitgenossen gewesen. Galen hätte außerdem – wenn überhaupt – für post mortem sectiones nur Zugang zu Leichnamen ärmerer Menschen gehabt.

Wir wissen, dass menschliche Leichname in der Antike höchst selten obduziert wurden und wenn, dann hatten die Berichte darüber (und über Vivisektionen) die Funktion abschreckender Schauergeschichten (Cels. prooem. 23-25). Die Kenntnis der menschlichen Anatomie wurde stattdessen überwiegend per Analogie zur Anatomie von Affen und Schweinen erschlossen. Die Zurückhaltung gegenüber post mortem sectiones erklärt sich auch durch das religiöse Tabu, die Integrität des menschlichen Leichnams nach dem Tod nicht zu beeinträchtigen. Wir haben es also mit einem epistemologischen Problem zu tun: Weil niemand nachgeschaut hat, hat auch niemand etwas gefunden.

Die diskutierten Quellen und Spekulationen bringen uns vorerst nicht weiter, doch glücklicherweise ist die antike Medizingeschichte mehr als die Literaturgeschichte medizinischer Fachtexte. Haben Archäologinnen und Archäologen vielleicht in Gräberfeldern Gallensteine gefunden? Der Blick in die paläopathologische Fachliteratur ließ mich enttäuscht zurück: Lediglich fünf Individuen im Mittelmeerraum werden beschrieben, bei denen etwa durch röntgenologische Untersuchungen Gallensteine festgestellt wurden, darunter übrigens auch die älteste bekannte Feuchtmumie: Ötzi war Träger von Gallensteinen. Die anderen Funde wurden in einem mykenischen Grab und in drei ägyptischen Mumien gemacht. Was diese Funde verbindet ist, dass sie entweder in situ gefunden wurden oder Körperbestattungen darstellten.

Als ich die Ergebnisse meiner Forschungen 2017 auf einer Tagung des internationalen Arbeitskreises Alte Medizin in Mainz vorstellte, meldete sich nach meinem Vortrag ein ausgewiesener Archäologe. Er berichtete von umfangreichen Funden von Gallensteinen bei seinen letzten Grabungen auf Kreta. Aber wie habt ihr sie gefunden, fragte ich. Seine Antwort verwies auf das eben erwähnte epistemologische Problem: Man habe auch nach Gallensteinen gesucht. Den Arbeiterinnen und Arbeitern wurde ein klimperndes Gläschen voll mit den entsprechenden Steinen als Muster präsentiert und anschließend wurden sie auch gefunden. Tatsächlich ist es nicht leicht, nach den in der griechisch-römischen Antike weitaus häufigeren Feuerbestattungen unter den Überresten auch Gallensteine zu finden. Frei nach Matthäus (7,8): Wer Gallensteine sucht, der findet sie.

 

Zitierte Literatur und Quellen

Beintker, Erich: Die Werke des Galenos. Bd. 1. Galenos Gesundheitslehre Buch 1-3. Stuttgart 1939.

Galenus; Gärtner, Florian (Hg.). Galeni De locis affectis I–II: Edidit, in linguam Germanicam vertit, commentatus est. Berlin, Boston 2015.

Puschmann, Theodor: Alexander von Tralles. Original-Text und Übersetzung nebst einer einleitenden Abhandlung. Ein Beitrag zur Geschichte der Medicin. 2 Bde. Amsterdam 1878–1879.

Siegel, Rudolph E.: Galen’s system of physiology and medicine. Basel 1968.

Ursin, Frank; Steger, Florian: Gallensteine und “Leberverstopfung“ in den medizinischen Fachschriften der Antike. In: Zeitschrift für Gastroenterologie 56(3), S. 249–254. https://doi.org/10.1055/s-0043-120349

 

Dr. Frank Ursin
Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Wissenschaftliches Profil (Link)

Die Folgen der Corona-Pandemie beraubten unseren diesjährigen Bruno-Snell-Preisträger der Möglichkeit, seine prämierte Arbeit auf der Großen Mommsen-Tagung vorzustellen. Dies wird er im Juni 2022 in Köln nachholen. Hier schon einmal ein erster Einblick.


Im klassischen Athen kursierten vergleichsweise konkrete Vorstellungen zur eigenen Frühzeit: Der athenische König Theseus hätte ganz Attika in einem ›Synoikismos‹ vereint (Thuk. 2, 15, 1 f.). Im mittleren 11. Jh. v. Chr. sei das Königtum zugunsten eines ›Archontats auf Lebenszeit‹ abgeschafft worden, dieses dann 753 v. Chr. auf zehn Jahre verkürzt sowie schließlich 683/682 v. Chr. in ein jährlich neu besetztes Amt umgewandelt worden. Diese Entwicklung ist bereits lange als ein Konstrukt klassischer Zeit erkannt, das wenig über die tatsächlichen Verhältnisse aussagt. Generell lässt sich anhand der schriftlichen Quellen für den Zeitraum vor dem 6. Jh. v. Chr. kein sonderlich komplexes Bild der Geschichte Athens und Attikas zeichnen: Die Überlieferung vom Putschversuch des Kylon hat zwar sicherlich einen wahren Kern, doch ist ihre bei Herodot und Thukydides überlieferte Form (Hdt. 5, 71; Thuk. 1, 126, 3–11) Verhältnissen und Erwartungen der klassischen Zeit verpflichtet; auch das traditionelle Datum um 630 v. Chr. ist aufgrund seiner Abhängigkeit von späteren chronologischen Konstruktionen wenig verlässlich. Ähnliches gilt für das Gesetz des Drakon, das zwar als frühester erhaltener Ausschnitt der athenischen Rechtsprechung von großem Wert ist, je nach Lesweise jedoch ganz unterschiedliche Rückschlüsse auf den Institutionalisierungsgrad in früharchaischer Zeit zulassen kann. Selbst die auf den ersten Blick verlässlich anmutenden Narrative im Zusammenhang mit Solon erscheinen seit Zweifeln an der solonischen Urheberschaft der ›solonischen‹ Gedichte und Gesetze problematisch. Wer sich an einer Rekonstruktion jener längerfristigen gesellschaftlichen Formierungsprozesse versuchen möchte, die in Athen und Attika in der frühen Eisenzeit und der früharchaischen Zeit, also im 11. bis frühen 6. Jh. v. Chr. anzunehmen sind, muss sich demnach den archäologischen Quellen zuwenden. Eben diese stehen im Zentrum der hier vorgestellten Arbeit, die 2019 als Dissertation im Fach Klassische Archäologie an der Universität Tübingen abgeschlossen wurde und Ende September 2021 erscheinen wird.

Einen ersten Schwerpunkt des Buchs stellt die Siedlungsgeschichte dar; dafür wird ein geographisch gegliederter Überblick über die publizierten Befunde gegeben. Auf dieser Grundlage wird die Siedlungsstruktur kleinräumig analysiert und die Besiedlungsgeschichte diachron ausgewertet. Dabei zeichnet sich ab, dass der erste Teil der frühen Eisenzeit auch aufgrund von Problemen der archäologischen Sichtbarkeit schwer zu fassen ist, doch bereits im späten 10. Jh. v. Chr. ganz Attika besiedelt ist und die folgenden Jahrhunderte eine sukzessive Verdichtung erkennen lassen. Dem Konzept einer von ihrem vermeintlichen Zentrum ausgehenden ›Binnenkolonisation‹ Attikas kann dabei die These kleinteiliger dezentraler Verdichtungsvorgänge entgegengesetzt werden.

Im Anschluss werden die Nekropolen und die Heiligtümer diachron auf Indizien gesellschaftlicher Transformationsprozesse befragt. Die kontinuierlich hohe Variabilität in den Gräbern spricht für eine fortgesetzte Konkurrenz von Bestattungsgruppen mit variierenden repräsentativen Strategien sowie eine große Instabilität der beständig neu ausgehandelten gesellschaftlichen Vorrangstellungen. Schwankungen in der Zahl der überlieferten Gräber erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die ›Entstehung der Polis‹, sondern sind ein Resultat der wechselnden Popularität größerer Friedhöfe in Athen. Die wachsende Bevorzugung gemeinschaftlich genutzter Nekropolen spätestens ab dem frühen 8. Jh. v. Chr. und die damit einhergehende Veränderung der repräsentativen Strategien lassen dennoch Rückschlüsse auf ein zunehmendes Gemeinschaftsbewusstsein sowie eine beginnende Festigung sozialer Prominenzrollen zu. Die Analyse der Gräber trennt den Untersuchungszeitraum somit grob in eine Phase der stärkeren gesellschaftlichen Fragmentierung im 11.–9. Jh. v. Chr. und eine Periode der wachsenden soziokulturellen Verbindungen ab dem 8. Jh. v. Chr. Ganz ähnliche Entwicklungen lassen die Heiligtümer erkennen: Die früheren Kultstätten fungierten wohl als neutrale Versammlungsplätze in der weiteren Umgebung siedelnder Gruppen. Im 8. und 7. Jh. v. Chr. entstanden dagegen vielerorts Heiligtümer, die klarere und kleinere ›Einzugsbereiche‹ besaßen und damit einerseits der Ausbildung territorial definierter Gemeinschaften und andererseits der sozialen Differenzierung innerhalb dieser dienten. Dies bezeugen aufwändige Votive und Reste gemeinschaftlicher Feste, während u. a. das Aufkommen vieler simpler Votive in der 2. Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. die aktive Partizipation größerer Personengruppen wahrscheinlich macht.

Zuletzt werden die Einzelergebnisse der Arbeit miteinander in Beziehung gesetzt. Es entsteht das Bild einer zwar ab dem 8. Jh. v. Chr. beschleunigten, doch letztlich kontinuierlichen Entwicklung, innerhalb derer die früharchaische Zeit eine entscheidende Formationsphase darstellt. Die Vorstellung einer ›Entstehung‹ der athenischen Polis im 8. Jh. v. Chr. dagegen ist irreführend.

Maximilian Rönnberg

 
M. F. Rönnberg, Athen und Attika vom 11. bis zum frühen 6. Jh. v. Chr. Siedlungsgeschichte, politische Institutionalisierungs- und gesellschaftliche Formierungsprozesse, Tübinger Archäologische Forschungen 33 (Rahden 2021).

 
 
Spätgeometrischer Grabkrater der Trachones-Werkstatt, Metropolitan Museum of Art 14.130.15.