Unser erster Blog entführt Sie nach Kleinasien, in das karge Bergland Lykiens. Dort liegt auf 1.500 Metern Höhe die antike Stadt Oinoanda, die erst im 19. Jh. von britischen Forschungsreisenden wieder entdeckt wurde (Abb. 1). Über die Fachwelt hinaus erlangte Oinoanda Berühmtheit durch die längste Inschrift, die aus der Antike bekannt ist. Sie umfasst in leicht verständlicher Sprache die Lehren des ortsansässigen griechischen Philosophen Diogenes, der in der Tradition der epikureischen Schule stand. Angebracht war sie öffentlich zugänglich an der Rückwand einer Säulenhalle an der Agora, dem antiken Marktplatz.

(mehr zu Oinoanda: https://www.dainst.org/projekt/-/project-display/48576)

Die öffentliche Halle, an der die Inschrift angebracht war, besteht nicht mehr (Abb. 2). Doch über 300 ihrer Blöcke und Steinfragmente sind ab dem ausgehenden 19. Jh. bis in jüngere Zeit (2017) teils als wiederverwendete Bauteile in den Mauerresten späterer Gebäude, vielfach aber auch in dem überall auf dem Ruinengelände verstreuten Schutt entdeckt worden (Abb. 3). Ein erheblicher Teil der noch fehlenden ca. 80% der Inschrift harrt weiterhin auf dem seit mindestens einem Jahrtausend nicht mehr durch befahrbare Wege zugänglichen Bergrücken der antiken Siedlung Oinoanda seiner Entdeckung.

Hauptaufgabe der an den modernen Forschungen beteiligten Wissenschaftler war und ist die Rekonstruktion dieser wohl aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert stammenden Inschrift, die nur teilweise in zahlreichen Fragmenten erhalten ist. Was sie uns über die Philosophie des Diogenes hinaus noch verrät, erläutert Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt von der Universität zu Köln.

 

Diogenes von Oinoanda zwischen „Open Access“, „Präsenz-“ und „Distanzlehre“:

Eine (hoffentlich) ephemere Betrachtung in Corona-Zeiten

„Epicurean philosophy in open access“ – so bezeichnete unser belgischer Kollege Geert Roskam treffend die umfangreichste aller antiken Inschriften.[1] In ihr animierte Diogenes von Oinoanda im 2. Jh. n. Chr. seine Mitbürger, dazu aber auch explizit Fremde und nachgeborene Generationen in Lehrschriften, Sinnsprüchen und Briefen zu einem Leben nach Grundsätzen der epikureischen Philosophie. Ihr „Open Access“ manifestierte sich nicht allein in ihrer Anbringung in einer öffentlich und gratis zugänglichen Halle (Stoa), sondern schlug sich auch in ihrer Sprache nieder, die dem geläufigen Koiné-Griechisch nahe stand. Zudem zielte sie inhaltlich mit eingängigen, bisweilen drastisch anmutenden, aber konkret gestalteten Vergleichen und Beispielen auf die Lebenswelt einer vornehmlich bäurischen Leserschaft, die sich als teure Einzelstücke verfertigte Buchrollen mit literarischem Bildungsgut nicht leisten konnte.

Einleitend rechtfertigt Diogenes seine Initiative damit, dass er die philosophische Unterweisung im Einzelgespräch mit aufnahmebereiten Personen zwar bevorzugen würde, er sich jedoch angesichts seines hohen Alters und in der Überzeugung, räumlich und zeitlich eine höhere Wirkung zu erzielen, für die inschriftliche Verbreitung seiner Botschaft entschlossen habe.

Zweifellos übertraf diese öffentlich zugängliche Publikationsweise gerade als ‘Langzeitarchivierung’ das im 2. Jh. n. Chr. führende Schriftmedium der Papyrusrollen. Martin Ferguson Smith würdigte sie zu Recht im Rahmen der vor nunmehr einem halben Jahrhundert in Gang gebrachten neueren Forschungen[2] als originelle und innovative Leistung.

Doch Diogenes verbreitete seine Botschaft nicht nur inschriftlich in „Open Access“. Er betrieb auch „Präsenzlehre“. In einem 2010 entdeckten Brieffragment erklärt er sich zur Unterweisung junger Damen bereit, die bis dahin nur Kostproben des Epikureismus genossen hätten.

Ein Neufund von 2017 macht wahrscheinlich, dass Diogenes sich für seine Lehre einer im griechischen Bereich damals noch neuartigen Technologie bedient hat: der Stenographie. Diese in den letzten Jahrzehnten der römischen Republik erstmals im Umfeld Ciceros u. a. von Tiro entwickelte Methode zur Erfassung gesprochener Rede ist im griechischen Bereich erst ab dem 2. Jh. n. Chr. belegt, wo sie bald viele Lebensbereiche prägte. Wir erfahren nun aus diesem Text, dass auch Diogenes auf Stenographen zurückgriff (Diog. NF 215, Abb. 4):

Archelaos grüßt Dion. Da Du die von unserem (Freund) Diogenes nach der Bestattung seines Sohns gesprochenen Worte zu erfahren wünschst, erledige ich dies mit großem Vergnügen. Denn ich will Dir jeden Gefallen in der Weise tun, als sei er für mich selbst. Die Angelegenheit entwickelte sich für mich, da ich Dir eine bessere Übermittlung als meine eigene zukommen lassen wollte, äußerst günstig: da nämlich einige präzise Stenographen seinen Vortrag aufgenommen hatten, hatte ich davon eine Kopie gemacht und [mitgenommen].

Wir lesen hier nicht nur, daß Diogenes einen Sohn und somit auch eine Frau gehabt hat – wobei die Ehe eigentlich den Grundsätzen einer epikureischen Lebensweise widersprach – und dass dieser Sohn noch zu seinen Lebzeiten verstorben ist. Die Erwähnung der Stenographen wirft zudem ein ganz neues Licht auf einen anderen Brief des Diogenes, der eigentlich schon seit den frühesten Entdeckungen der Inschrift bekannt ist. Hierin schrieb er an einen philosophischen Gesinnungsgenossen in Griechenland, während er auf der Insel Rhodos durch widriges Wetter festsaß und befürchtete, dass es wegen seines hohen Alters gar nicht mehr zu einem Wiedersehen kommen würde (Diog. fr. 63):

... ich schicke dir, wie du es verlangt hast, das zu, was die unendliche Zahl der Welten betrifft. Für dich hat sich aber eine glückliche Fügung in dieser Angelegenheit ergeben: denn bevor dein Brief eintraf, war gerade Theodoridas von Lindos, ein dir nicht unbekannter Gefährte von uns, der noch Anfänger im Philosophieren ist, mit demselben Argument befasst. Dieses aber gewann dadurch an Kontur, dass es zwischen uns beiden im persönlichen Gespräch erörtert wurde. Denn die gegenseitig von uns beiden bekundete Billigung und Ablehnung und dazu unsere Fragen verliehen der Untersuchung des Problems höhere Präzision. Daher also sende ich dir, Antipater, jene Unterredung zu, damit sich derselbe Effekt ergibt, wie wenn du, ebenso wie Theodoridas, bei Gespräch zugegen wärest und den einen Aussagen zustimmtest, bei den anderen Probleme aufwürfest und zusätzliche Fragen stelltest.

Wie konnte Diogenes in der offenbar beigefügten Mitschrift die Spontaneität eines unmittelbaren Austauschs von Argumenten und Einwänden im direkten persönlichen Gespräch einfangen? Wohl nur mittels Stenographie, die Diogenes ebenso wie das ungewöhnliche Medium der Inschrift genutzt hat, um seine Vermittlung philosophischen Gedankenguts auf innovative Weise und mit neuartigen Mitteln möglichst wirkungsvoll zu gestalten.

Während in diesem Jahr zwar kein Wintersturm, aber eine Pandemie persönliche Zusammenkünfte verhindert, helfen uns ebenso wie einst dem Diogenes erst seit einer kurzen Zeit verfügbare Technologien, die Spontaneität und Lebendigkeit unserer Lehrgespräche so gut wie es geht zu wahren.

Köln, im November 2020                                                                                  Jürgen Hammerstaedt

 

[1] G. Roskam, Epicurean philosophy in open access. The intended reader and the authorial approach of Diogenes of Oinoanda, in: Epigraphica Anatolica 48 (2016) 151ff.

[2] M. F. Smith, ”Fifty Years of New Epicurean Discoveries at Oinoanda”: Cronache Ercolanesi 50 (2020) 241-258; https://www.martinfergusonsmith.com/pdf/CRONACHEERCOLANES.pdf.

 
Editionen der Fragmente des Diogenes von Oinoanda:
M. F. Smith, Diogenes of Oinoanda. The Epicurean Inscription = La Scuola di Epicuro, Supplemento 1 (Napoli 1993), ergänzt durch epigraphische Dokumentation in M. F. Smith, The Philosophical Inscription of Diogenes of Oinoanda = Ergänzungsbände zu den Tituli Asiae Minoris 20 (Wien 1996). Die 1997 entdeckten Texte und weitere Aktualisierungen bei M. F. Smith, Supplement to Diogenes of Oinoanda. The Epicurean Inscription = La Scuola di Epicuro, Supplemento 3 (Napoli 2003). Die Funde der jährlichen Surveys zwischen 2007 und 2012 unter Leitung von Martin Bachmann, dem damaligen Zweiten Direktor der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts, sind zusammengefasst in J. Hammerstaedt / M. F. Smith, The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda. Ten Years of New Discoveries and Research (Bonn 2014). Zu den letzten Entdeckungen s. J. Hammerstaedt / M. F. Smith, “New Research at Oinoanda and a New Fragment of the Epicurean Diogenes (NF 213)”: Epigraphica Anatolica 49 (2016) 109-125 und “Diogenes of Oinoanda. The New and Unexpected Discoveries of 2017 (NF 214-219), with a Re-edition of fr. 70-72”: Epigraphica Anatolica 51 (2018) 43-79.

 Zur Philosophie des Diogenes:
J. Hammerstaedt / P.-M. Morel / R. Güremen (Hrsg.), Diogenes of Oinoanda. Epicureanism and Philosophical Debates – Diogène d’Œnoanda. Épicurisme et controverses (Leuven 2017).

 Filme über die Oinoandasurveys unter Leitung von Martin Bachmann:
“Oinoanda - Die größte Inschrift der Welt”: https://www.youtube.com/watch?v=gvKjbuntLLA
“A Gigantic Jigsaw Puzzle: The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda”: https://www.youtube.com/watch?v=1s-z7uZd9X8

 

Abb. 1: Karte von Lykien (aus: Martin Ferguson Smith, The Philosophical Inscription of Diogenes of Oinoanda = Ergänzungsbände zu den Tituli Asiae Minoris Nr. 20 [Wien 1996] Plate 1, Fig. 1). 



Abb. 2: Oinoandas „Esplanade“ mit dem einstigen Standort der Diogenes-Stoa im Bereich des hinter der hohen Fichte erkennbaren Trümmerfeldes (© Oinoandateam).

 

Abb. 3: Fragmente der Inschrift des Diogenes (© Oinoandateam).

 

Abb. 4: Diog. NF 215 (© Oinoandateam).